Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Aus dem unerschöpflichen biblischen Brunnen schöpfte nicht nur der Thomas Mann der Josephs-Romane, sondern auch sein Antipode Bertolt Brecht. "Sie werden lachen: die Bibel", das war die für viele verblüffende Antwort des jungen Autors auf eine Zeitschriften-Umfrage nach dem stärksten literarischen Eindruck der Saison.

Brecht ging es um Umfunktionierung der Bibel für einen vermeintlich besseren Zweck, den Klassenkampf, und in diesem Sinne beutete er lebenslang vor allem den Sprachduktus der Luther-Bibel aus. Thomas Mann dagegen schwebte "eine neue Heiterkeit des Erkennens und Gestaltens" vor, seine Josephs-Tetralogie betrachtete er als einen "Beitrag zur Schein-Genauigkeit, der Persiflage sehr nahe und jedenfalls der Ironie", sein Bestreben war aufs Menschheitliche, auf Humanisierung des Mythos gerichtet.

Betreibt man eine solche Humanisierung so kühl und konsequent wie die 36-jährige in Paris lebende deutsche Autorin Anne Weber, dann bleibt Gott bald auf der Strecke oder macht zumindest eine ziemlich schlechte Figur, wird zum Inbild von Inkonsequenz, ja er wird sogar zum "armen Tropf", der sich in nichts mehr unterscheidet von den armen Tröpfen, die er erschaffen hat. Warum auch hat er den Fehler begangen, den Menschen nach seinem Ebenbilde zu schaffen? "Dieser Narzissmus", so Anne Weber, "sollte sich spätestens an dem Tag rächen, als der Mensch sich zum ersten Mal aufmerksam im Spiegel beäugte und aus dem, was er da sah, einige für den Schöpfer wenig schmeichelhafte Schlüsse zog."

Anne Weber hat das Alte Testament neu gelesen, vom Buch Genesis bis zum Buch Sacharja, mit dem unbarmherzigen Scharfsinn eines sehr klugen - manchmal auch altklugen - Kindes, dem weder Pascal noch spätere Theologen weismachen konnten, dass darin alles Allegorie und Symbolismus sei. Herausgekommen ist bei dieser Art der wortwörtlichen Lektüre eine Travestie des Alten Testaments, die von so raffinierter Naivität, so erheiternd und gleichzeitig tiefsinnig ist, als hätten sich Karl Valentin und Robert Walser gemeinsam als Bibelforscher-Team betätigt .

Für Anne Weber beginnen die vielen Ungereimtheiten und Unzumutbarkeiten der Bibel bereits damit, dass der Gott der Genesis, der es gerade erst hat Licht werden lassen, verblüfft feststellen muss, "dass ihm jemand zuvorgekommen war und das Nichts geschaffen hatte". Als nie wiedergutzumachende Panne erscheint ihr dann, dass Eva im Paradies, statt vom Baum des Lebens und damit der Unsterblichkeit zu essen, auf "die Ratschläge des erstbesten Reptils" hin vom Baum der Erkenntnis isst und damit die Chance verpasst, Adams Göttin statt seine Sklavin zu werden.

Auch beim strafenden Gott vermisst Anne Weber die letzte Konsequenz. Warum vergisst er bei der von ihm geschickten Sintflut, dass diese "nicht das geeignete Mittel ist, um Wassertiere zu beseitigen"? Mitleid hat sie mit Moses, "der Letzte, der mit Gott noch von Angesicht zu Angesicht hatte reden dürfen", zu diesem Zweck aber stets hohe Berge besteigen musste, weil Gott offenbar den Weg ins Tal scheute. Keinerlei Verständnis hat sie dafür, dass "jedes Mal, wenn ein Mensch eine Sünde begeht, ein Tier an seiner Stelle sterben muss", aber der Glaube, dass die Sünden einem Bock aufgeladen werden können, der sie in die Wüste trägt und dort ablegt, verleitet sie zur zuversichtlichen Vermutung, "dass aus diesen Sündenhalden später die Oasen entstanden sind".

In der feinsten Form der Ironie, nämlich jener der Affirmation, weist Anne Weber darauf hin, dass die guten Menschen oft nicht begreifen, dass ihnen gar kein Unglück zugestoßen ist, wenn ihnen ein Unglück zugestoßen ist, sondern "ihnen vielmehr eine Prüfung auferlegt worden" ist. Ebenso affirmativ, als großzügige Anwältin Gottes, interpretiert sie dessen Gebot: Du sollst nicht töten! Wahrscheinlich, so gibt sie zu bedenken, sei der Text hier "verderbt oder verdorben und der Satz hieß ursprünglich: Du sollst nicht ohne Grund töten. Ohne guten Grund."