Herkunft verpflichtet, ich weiß. Und du hast ja Recht: Es schmeckt einfach.

Aber versteh mich doch: Immer diese Qual der Wahl. Die roten Krebse passen jetzt genauso wenig wie blaue Heringe. Für den Adventskalender ist es zu spät, für Schornsteinfeger zu früh. Und die bayerische Schlachterplatte?

Lieber nicht! Dann doch das Holstentor? Das kommt immer gut an, besonders seitdem es damals so rüde vom 50-Mark-Schein verbannt wurde.

Das Holstentor im Schokoteller wäre klasse - aber natürlich kennst du es schon. Jeder, der Freunde in Lübeck hat, hat mindestens ein Holstentor bekommen. Dann doch lieber eine Geschichte? Erfunden haben wir Lübecker es nicht, das Marzipan. Aber das lassen wir uns nicht anmerken. Ein unbekanntes Süßmaul aus dem Vorderen Orient hatte vor über tausend Jahren zum ersten Mal die Idee, Mandeln, Rosenwasser und Zucker zu einem klebrigen Teig zu verkneten: Ein Drittel hiervon, zwei Drittel davon, geschält, gerieben, gemischt, geformt - fertig war das Haremskonfekt, wie Thomas Mann es später nannte.

Venedig war damals Drehscheibe für Schätze aus dem Morgenland. Von dort brachten Kaufleute erste Kostproben ins restliche Europa. Ein seltener, ein teurer Stoff, ein Stoff, der die, die ihn zum ersten Mal kosteten, irgendwie an die Freuden des Paradieses gemahnte: Schon bald galt Marzipan als eine Art mittelalterliches Viagra, dann als Kraftnahrung, schließlich als Herzmittel.

Nur Apotheker und Klöster durften Marzipan herstellen. Eine Luxusleckerei - nach der sich Fürsten bald die Finger leckten.

Viele Jahrhunderte lang blieb Marzipan ein teurer Spaß. Bis man Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckte: Es muss nicht Rohr sein. Auch aus Rüben lässt sich Zucker sieden. Und plötzlich kamen Standortvorteile zum Tragen: Orte mit Hafen und großem Hinterland, Zuckerrübenhinterland, machten Punkte. Städte wie Königsberg an der ostpreußischen Küste. Oder wie Lübeck. Und seitdem liebt die Welt Lübecker Marzipan - mit Ausnahme jenes einzelnen Herrn aus Chicago, der 1895 befand: Marzipan, durch den Lübeck berühmt ist, ist die unverdaulichste Substanz, die ich kenne, ausgenommen Glaserkitt und Bahnhofsbutterbrot.