Seit ein paar Jahren schon ist Irland, der Celtic tiger, mächtig auf dem Sprung - die Hungerleider von einst sind zu Vorzeigeeuropäern geworden.

Ein Domizil, wo des Tigers Dompteure, die Geschäftsleute aus Irland, Europa und Übersee, angemessen unterkommen, existierte in Dublin lange nicht. Klar, es gibt das altehrwürdige Shelbourne und das gesichtslos-perfekte Jury's.

Aber etwas Besonderes, so eine Art zirzensisch-gastgewerblichen Sprung durch den Feuerreifen findet man in der Hauptstadt erst, seit es das Merrion gibt.

Es gehört zu keiner Hotelkette und ist in jeder Hinsicht einzigartig. Ein paar irische Geschäftsleute, die in aller Welt ihr Glück und dem heimischen Tiger Beine gemacht haben, fügten ihre Erlebnisse in und Wünsche an Spitzenhotels zusammen und bauten ihren Traum von der idealen Herberge mitten im Zentrum, gegenüber dem Sitz der Regierung. Na ja, sie bauten es nicht direkt, sondern ließen es aus vier denkmalgeschützten georgianischen Stadthäusern - alle entstanden um 1760 - herauspräparieren. Von außen wirkt der Komplex sehr schlicht. Stünde nicht ein Portier auf dem Bürgersteig, würde man Dublins erste Hoteladresse glatt übersehen.

Im Innern ist es großbürgerlich-üppig. Prachtvolle Stuckgebirge, und die alten Holzfußböden geben den Salons rund um die Rezeption im Erdgeschoss Heimeligkeit. Die Gänge zu den Zimmern sind wie eine sanfte Berg-und-Tal-Fahrt: Jedes der vier Häuser hat unterschiedliche Geschosshöhen.

Keine Norm ist auch die Norm für einen Großteil der 125 Zimmer und 20 Suiten: Fast alle sind unterschiedlich, aber stilgetreu ausgestattet bis hin zu Vorhängen und Bettwäsche, die ein Muster aus der Bauzeit der Häuser zitieren mit Stieren, Putten und jeder Menge Früchten des Feldes.

Die Besitzer präsentieren auch ihre ziemlich beachtliche Kunstsammlung. Klar, ein Maler wie Jack B. Yeats mag nur den Iren als einer der größten Künstler des 20. Jahrhunderts gelten (der Rest der Welt kennt ihn als den jüngeren Bruder des Dichters William Butler Yeats). Aber besser als die Druck- und Lithografieorgien andernorts sind seine und die Gemälde der anderen Iren allemal. Und wo in anderen Großstadthotels der Blick gerne mal in einen Hinterhof fällt, liegt im Merrion ein hübscher Garten. Er sorgt für ruhige Nächte.