Besonders amüsant scheint dieses Leben nicht gewesen zu sein: Ein einsames Sauflied, Militärfanfaren, ein paar melancholische Chansons d'Amour und eine Messkomposition mit dem beziehungsreichen Namen Mille Regretz werden als die wichtigsten Stationen präsentiert. Am Schluss singt der Chor eine Motette über die Seufzer des Todes und die Qualen der Hölle, dann herrscht Ruhe. 76 Minuten benötigt Jordi Savall, katalanischer Star der Alten Musik, um pünktlich zum 500. Geburtstag die schillernde Biografie Kaiser Karls V.

musikalisch Revue passieren zu lassen - jeder Filmregisseur hätte wenigstens 90 bekommen. Carlos V, Mille Regretz: La Canción del Emperador - so heißt das jüngste, ehrgeizige wie auratisch geglückte Projekt, das Savall für sein eigenes Label realisiert hat (AliaVox/Universal 9814).

Die Idee des Kaiserporträts liegt nahe, denn vielleicht mehr noch als Architektur und Malerei war die polyphone Musik in der Renaissance die Repräsentationskunst schlechthin. Und anders als der Großteil heutiger Staatenlenker führte Karl V. tatsächlich ein Leben mit der Musik, nicht nur, weil er mit Großmeistern wie Cristobal de Morales oder Antonio de Cabezón einige der bedeutendsten Musiker der Epoche an seinen Hof holte. Sie werden aufgeboten von Savall, neben Josquin des Prez oder Heinrich Isaac. Dennoch beschränkt sich das Ganze nicht auf die schlichte Aneinanderreihung von Kompositionen, die der römisch-deutsche Kaiser möglicherweise gehört hat.

Vielmehr entwirft Savall über die Musik eine Art kulturgeschichtliches Panorama der frühen Neuzeit, versucht sich überdies mutig an einer Charakterstudie des Kaisers, der für ihn ganz offensichtlich ein faszinierender Melancholiker war.

Das funktioniert auch deshalb so überzeugend, weil Savalls Instrumentalensemble Hesperion XXI und seine Capella Reial de Catalunya zum Besten gehören, was die Alte Musik derzeit weltweit zu bieten hat. Mit größerer Klangmagie und -sinnlichkeit, als die Katalanen es tun, lässt sich Geschichte kaum vermitteln, auch ohne bunte Bilder. Und die Qualität der Musik ist beeindruckend. Savall bindet einige der bedeutendsten polyphonen Kompositionen im Europa des 16. Jahrhunderts in eine enorm schlüssige und farbige Dramaturgie ein, darunter Josquins berühmtes Kriegslied La Guerre oder die schon damals als das Kaiserlied bekannte, tieftraurige Chanson Mille Regretz Josquins samt der zugehörigen Parodie-Messe von Morales. Auf diese Weise erhebt Savall die Musiker zu Zeitzeugen, stellt es dem Hörer dennoch frei, ob er sich zu kulturgeschichlichen Betrachtungen anregen oder - ebenso legitim - den atmosphärischen Klangbogen bei einem guten Glas Burgunder einfach vorüberziehen lässt.