Kiel-Dietrichsdorf

Nie zuvor hatte der Ortsvereinsvorsitzende so grauenhaft ausgesehen. Mit blutunterlaufenen Augen, zerfurchten Wangen und verkrallten Fingern brüllte er: "Seid willkommen, Menschenkinder!" Und lachte markerschütternd. Jens Fischer war nicht etwa dabei, ein SPD-Neumitgliederseminar zu moderieren.

Vielmehr stand er auf der Bühne, einer kleinen Bühne im Gemeindesaal der Paul-Gerhardt-Kirche im Kieler Stadtteil Dietrichsdorf. Er gab den Herodes, eine der wenigen Erwachsenenrollen in dem Rock-Musical Remember. Geschrieben und vertont hat diese mitreißende Adaption der Weihnachtsgeschichte Heino Pietschmann, der 36-jährige Kantor der Gemeinde. Pietschmann ist ein Charismatiker: Ihm ist es zu verdanken, dass in Dietrichsdorf ausgerechnet das Singen im Kirchenchor zu den attraktivsten Freizeitbeschäftigungen für junge Leute zählt - am Rock-Musical wirken 100 begeisterte Kinder mit. Der Mann hat immer hier gelebt, und nie wollte er etwas anderes sein als Kirchenmusiker an dieser, an seiner Kirche. Die Paul-Gerhardt-Gemeinde ist aber nicht nur Pietschmanns Lebensbühne. Sie ist auch eine Stätte des außergewöhnlichsten Einvernehmens zwischen zwei tragenden Institutionen dieser Republik: Kirche und Sozialdemokratie. Das Geflecht aus singenden Sozis, politisch engagierten Kirchenvorständen und Pastoren, die mit SPD-Ratsherren an Stammtischen zusammensitzen, ist engmaschig. Man könnte es Filz nennen - oder Zivilgesellschaft. Viele Menschen jedenfalls, die sich ehrenamtlich für den lange vernachlässigten Stadtteil einsetzen, haben ihre emotionale Heimat in diesem lange gewachsenen Zusammenhang. So weiß man nicht immer genau, wessen Kabarettprobe, Gesprächskreis oder Kungelrunde man im Gemeindehaus antreffen wird. Aber immer ist die Kirche in diesem dunklen, schmucklosen Viertel ein Licht, ein heller, heimeliger Mittelpunkt.

Fünf, sechs Familien sind es, die das öffentliche Leben in Dietrichsdorf über Jahre geprägt haben: Sönke Petersen, der Ortsbeiratsvorsitzende und heimliche Bürgermeister, dann der Pastor, das Anwaltsehepaar, das Ärztepaar, noch ein Rechtsanwalt, der singende SPD-Ortsvereinsvorsitzende (im Zivilberuf Lehrer).

Sie sind mehr als der politische Zusammenschluss, der 25 Jahre lang gemeinsam gekämpft hat: für einen Abenteuerspielplatz und eine Gesamtschule, für die Erhaltung reizvoller Industrieruinen, für die Kieler Fachhochschule an diesem Standort

und immer wieder gegen die Politik des SPD-geführten Kieler Rathauses, die man in dem traditionellen Arbeiterstadtteil mit seinen Wahlergebnissen von wenigstens 50, häufig aber 70 Prozent für die Sozialdemokraten allzu oft als borniert empfand. "Jede noch so zweckrationale und nüchtern geschaffene und abgezweckte soziale Beziehung kann Gefühlswerte stiften, welche über den gewillkürten Zweck hinausgehen", schrieb Max Weber in seinen Soziologischen Grundbegriffen. Die politisch Aktiven in Dietrichsdorf haben ihre Arbeit mit einem gesellschaftlichen Anspruch begonnen. Heute sind sie eine Gemeinschaft, einfacher ausgedrückt: ein Freundeskreis. Deshalb mag ihnen der Stadtteil Heimat sein.

Statt 3000 Arbeitsplätzen plötzlich 3000 Studenten