Die Mama sollte zugeben, dass die Geschenke von ihr kommen. Diese Offenheit ist sinnvoll, weil sich Eltern ohnedies früher oder später outen müssen. Entweder, weil sie von sich aus das Kind für alt genug halten, die Wahrheit zu erfahren, oder weil die Kinder selber dahintergekommen sind, dass es kein Christkind gibt. Werden von den Eltern nach und nach Nikolaus, das Christkind und der Osterhase revidiert, müssen sich Kinder automatisch fragen: Was kommt als Nächstes? Wo haben sie mich noch angelogen? Das kann das kindliche Vertrauen erschüttern. Erwachsene veranstalten dieses Theater ohnehin mehr für sich als für ihre Kinder. Sie wollen eine kindliche Freude wieder erleben. Kindern ist egal, wer die Geschenke bringt, Hauptsache, dass sie gebracht werden. Es geht aber nicht nur um Vertrauen, sondern auch um Macht: Der Nikolaus beschenkt nur die braven Kinder. Das heißt, Eltern können Weihnachten als Machtinstrument nutzen. Ein weiteres Problem taucht auf, wenn andere Kinder mehr Geschenke bekommen. Diese höhere Instanz, das Christkind, befindet andere Kinder als braver. Unter Umständen kann sich so ein Erlebnis negativ auf das Selbstwertgefühl eines Kindes auswirken. Mehr in den Vordergrund gerückt werden sollte Weihnachten als Anlass für das Schenken - auch gegenüber Kindern.

KLAUS NIEL, 49, Diplompsychologe und Märchenexperte, Köln