Weihnachten ist nichts los, tote Hose", erzählen die türkischen Jugendlichen auf dem Schulhof. Trotz der Kälte wollen sie sich zu Weihnachten auf ihrem Bolzplatz treffen. Wenigstens das Fernsehen lässt sie nicht im Stich. Auf ProSieben läuft Tödliche Weihnachten, ein Thriller. Sat.1 zeigt Arnold Schwarzenegger in Predator. Außerdem gibt es das türkische Satellitenfernsehen - ein halbes Dutzend Programme und kein Wort über Weihnachten, überhaupt kein deutsches Wort.

Aber die Muslime haben auch ihr Fest, das Eid-ul-Fitr, zu Deutsch Zuckerfest, und in diesem Jahr fällt es fast mit Weihnachten zusammen. Allerdings müssen sich die Muslime das Fest im Fastenmonat Ramadan verdienen: Einen Monat lang darf der Gläubige grob gerechnet von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nicht essen, nicht trinken, nicht rauchen - damit er eine Vorstellung von Hunger und Durst bekommt, sein Mitgefühl für Menschen in schwerer Not stärkt und Geduld und Selbstbeherrschung übt. Auch 13- und 14-Jährige fasten schon. Wenn die Mitschüler ihr Pausenbrot auspacken, heißt es weggucken.

Jedes Fastenbrechen am Abend wird zu einem kleinen Fest, zur Gelegenheit, die Kochkunst zu entfalten, Verwandte, Freunde und Nachbarn einzuladen. Die türkischen Zeitungen begleiten den Ramadan. Jeden Tag drucken sie Sonderseiten und die minutengenaue Fastenzeit. Der Abschluss des heiligen Monats ist das Zuckerfest. In diesem Jahr endet der Ramadan laut muslimischem Mondkalender am Abend des 26. Dezember. Dann feiern die Muslime drei Tage lang.

"In Deutschland kommt zu unseren Festen keine richtige Stimmung auf", klagt der türkische Kioskbesitzer um die Ecke. Ringsum herrscht Alltag, die Nichtmuslime gehen ihren normalen Geschäften nach. In der Türkei dagegen ist vom 27. bis Neujahr arbeitsfrei. Manche fliegen in die alte Heimat, um die Festtagsstimmung dort zu genießen.

Der Islam ist keine Kirche. 85 Prozent der Muslime sind nicht organisiert.

Wenn dialogwillige Christen nach Partnern suchen, um das Fastenbrechen - ganz multikulturell - gemeinsam zu feiern, treffen sie gewöhnlich auf islamistische Bruderschaften. Sie haben sich nach deutschem Recht zu Vereinen zusammengeschlossen. Die Funktionäre des Islamischen Zentrums und der Kirchen präsentieren sich an solchen Abenden von ihrer liebenswürdigen Seite. Ein türkisches Menü wird aufgetischt, ein Gang nach dem anderen. Reihum werden Sonntagsreden gehalten, Gespräche plätschern dahin. Bei solchem "Dialog" träfen ganz unterschiedliche Denkmuster aufeinander, sagt eine Islamwissenschaftlerin. Die eine Seite versuche den Muslimen "christliche Nächstenliebe" zu demonstrieren, auf der anderen herrsche der "Umma-Gedanke" der Islamisten, dem zufolge die islamische Gemeinschaft immer "zuerst kommt".

Mit Erstaunen sehen die Islamisten, wie die Christen Zugeständnisse machen.