Frage: Der Tod des sechsjährigen Joseph in Sebnitz wie auch der Anschlag auf die Düsseldorfer Synagoge wurden voreilig Rechtsextremisten zur Last gelegt. Setzt moralische Empörung allzu leicht politische Besonnenheit außer Kraft?

Johannes Rau: Bei dem Düsseldorfer Geschehen kann man nicht einfach sagen, es war nichts Rechtsradikales. Es war nicht deutscher Rechtsradikalismus, sondern es war ein offenbar antiisraelischer Anschlag, der durchaus antisemitische Tendenzen gehabt haben kann.

Bei Sebnitz glaube ich, dass wir einfach den tiefen Schmerz einer Mutter bedenken müssen, die ein sechsjähriges Kind verliert, und die Unklarheit in manchen Ermittlungsschritten, die dann dazu geführt hat, dass manche publizistischen Organe vorschnell ein Verhaltensmuster publiziert haben, in das sich dann politische Äußerungen hineinpacken ließen. Das war sicher falsch, auch wenn man heute das Ergebnis der Ermittlungen noch gar nicht kennt.

Frage: Es hat in der Presse viel Selbstkritik gegeben.

Rau: Das Problem bei der Selbstkritik der Presse ist häufig, dass diejenigen Selbstkritik üben, die nicht zu den Tätern gehören, sondern nur zu den Zunftkollegen. Ich wünschte mir noch mehr Selbstkritik bei denen, die wirklich selber gesendet oder geschrieben haben, was nicht durch die Wirklichkeit gedeckt ist.

Frage: Gibt es auch Grund zur Selbstkritik bei den Politikern, die den "Aufstand der Anständigen" gefordert haben?

Rau: Im Blick auf diesen Begriff, den "Aufstand der Anständigen", empfinde ich keinen Anlass zur Selbstkritik. Der Anlass, nämlich der Angriff auf die Synagoge in Düsseldorf, scheint mir nach wie vor ein richtiger Anlass gewesen zu sein, auch wenn es sich nicht um deutsche Täter gehandelt haben soll.