Weihnachten, indem es schließlich doch jedes Jahr stattfindet und die Geschäfte am Heiligen Abend zum Ladenschluss zwingt, erlöst nicht nur, wie manche glauben, von der Not weiterer Geschenkeinkäufe. Weihnachten macht andere Nöte und andere Erlösungen noch immer offenbar. Die Menschheit, als wollte sie ihre ganze kopflose Ratlosigkeit dokumentieren, hat zum Jahresschluss eine erstaunliche Auswahl säkularer und christlicher Heilsversprechungen vorgetragen. Marvin Olasky, Berater des amerikanischen Präsidenten, will das Problem der Armut lösen, indem den Bedürftigen neben der heißen Suppe eine Bibel gereicht wird. Auch Kuba will seine soziale Zerrüttung zumindest dämpfen, indem es das Weihnachtsfeiern wieder erlaubt, während eine so genannte Kopernikus-Gruppe die deutschen und polnischen Kriegsgegner aussöhnen möchte, indem es sie in der preußischen Historie zusammenführt. Identität heißt das Erlösungswort. Ob es die gemeinsame mitteleuropäische Kultur ist, die Katholizität des spanischen Kolonialreiches oder die neue Gewissheit der New Yorker Obdachlosen, auch als Arme im Sinne des Evangeliums anerkannt zu sein - in jedem Fall soll der Trost aus der geistigen Überhöhung eines Elends fließen, dem mit materiellen Mitteln nicht abgeholfen werden kann (oder soll).

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

das ist wohl wahr. Aber eine kühne Ketzerei (an ihrer frivolen Bequemlichkeit schon erkennbar) liegt doch darin, die geistige Nahrung als Ersatz anzubieten. Polen und Deutsche mögen sich ausgesöhnt haben

aber nicht dadurch, dass die Deutschen ihnen ein Stück preußischer Hegemonie zum gemeinsamen Erbe anbieten. Und die Bibel, halten zu Gnaden, sollte man eher den Kapitalisten in die Hand drücken, die das Elend produziert haben, als jenen, die darin leben. Fidel Castro könnte zum Zeichen der Umkehr an der Krippe knien

nicht aber seinen armen Untertanen zur Ablenkung gestatten, was er ehedem als Opium fürs Volk verboten hat. Kultur und Identität, Religion und Geschichte, jene luftigen Waren des Überbaus, die lange gering geschätzt waren, sind mit Macht in unser Bewusstsein zurückgekehrt, aber merkwürdig ist der zynische Handel, der sogleich wieder mit ihnen getrieben wird.

Es gibt einen seelischen Hunger, der nicht mit Wärmestuben für Obdachlose, nicht mit Geschirrspülern für Kleinfamilien und auch nicht durch staatliche Finanzhilfen gestillt werden kann. Aber die symbolische Politik, die überall ins Kraut schießt und auf das vagabundierende Sinnbedürfnis zu antworten scheint, entspringt eher der Unfähigkeit oder dem Unwillen, an tatsächlichen Notlagen etwas zu ändern. Das eine ist nicht durch das andere zu kurieren.

Wir wissen inzwischen, dass Revolutionen dem Menschen nicht seine Seelennot nehmen