Japan ist zweigeteilt. Und es bleibt jedem unverständlich, dem es nicht gelingt, diese Zweiteilung als Einheit zu sehen und zu begreifen. Denn unserem Bild des traditionellen Japan, das noch immer weitgehend von Haiku, Ikebana und Teezeremonien geprägt ist, steht eine zweite Realität gegenüber, die mit wachsender Kraft den japanischen Alltag in mindestens gleichem Maße bestimmt: die schrille Welt der Comics, das allnächtliche Karaoke-Vergnügen, der betäubende Lärm der Spielhallen und die Allgegenwart bunter Werbebilder.

Erst wenn das Ganze des Landes als die friedliche, kreative und nahezu unentwirrbare Durchdringung seiner beiden Teile verstanden wird, lösen sich die viel zitierten Widersprüche Japans auf. Vor diesem Hintergrund leistet die von Irmela Hijiya-Kirschnereit herausgegebene Essay-Sammlung Japan - Der andere Kulturführer echte Aufklärungsarbeit. Denn das "andere", das hier wie eine modische Attitüde zitiert zu werden scheint, legt präzise die Perspektive zu einem echten Verständnis des gegenwärtigen Japan frei. Weder japanischer Gartenkunst noch der Welt des klassischen japanischen Theaters widmet sich dieser Kulturführer, der in der vorzüglichen Japanischen Bibliothek des Insel Verlages erschienen ist, sondern jenem schrillen und neuen Japan, über das westliche Kulturpuristen kritisch die Nase rümpfen, obwohl oder gerade weil dessen Protagonisten - siehe Pokémon und Karaoke - auch hierzulande sensationelle Erfolge feiern.

Hijiya-Kirschnereit, Trägerin des Leibniz-Preises 1992 und gegenwärtig Direktorin am Deutschen Institut für Japanstudien in Tokyo, hat für die Herstellung dieses Japanbildes eine Reihe fundierter Kenner der japanischen Gegenwartskultur um sich geschart. Gemeinsames Ziel der Autorinnen - denn sie sind in der deutlichen Mehrzahl - ist es, "einige der aus westlicher Sicht besonders auffälligen Kulturphänomene in ihren Bedeutungen und Bezügen untereinander und zur spezifischen Tradition des Erlebens und Fühlens, aber auch als Ausdruck globaler postmoderner Entwicklung" erkennbar zu machen.

Ohne Scheu vor den Niederungen einer längst zum Kulturträger gewordenen "Subkultur" trägt dieser Band mit fokussierenden Blicken auf Comics, Zeichentrickfilme, Gebrauchslyrik und erotische Magazine dazu bei, "japanische Umwelt lesen zu lernen". Die Herausgeberin selbst ist Garantin dafür, dass dabei weder die historisch-philologische Genauigkeit noch die wissenschaftliche Seriosität auf der Strecke bleiben. Insgesamt sind die 13 Beiträge dieses Kulturführers zu einer interkulturellen Lesebrille geschliffen, die vorzüglich geeignet ist, den europäischen Silberblick auf Japan nachhaltig zu korrigieren.

Irmela Hijiya-Kirschnereit (Hrsg.): Japan - Der andere Kulturführer

Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 2000

334 S., 29,80 DM