Ratzinger zeigt sich und die Amtskirche ungeschminkt in global denkender Feldherren-Mentalität. Er analysiert die Weltgeschichte in altbekannter Art als machtpolitischer Stratege, der Kulturen und Menschen wie Schachfiguren bedient.

Es ist tatsächlich eine schlimme Krise in Europa, dass selbst die Kirchen in Missachtung ihres eigenen Ursprungs keinerlei Alternativen mehr zu etablierten oder überholten Lebensformen anbieten zu können glauben. Das bloße "Zurück zu Gehorsam und Gläubigkeit an die rettende Kraft der Traditionen alter Dogmen" eines Ratzinger ist weder Zukunftsperspektive für ein neues Europa, noch hat es etwas mit dem Mut zu einem völlig neuen Aufbruch des Neuen Testaments zu tun. Die Besinnung auf den Schatz, den die gewaltigen Apparate der Amtskirche unter sich begraben haben, könnte eine ganz andere Zukunftsperspektive und Identität bieten, die auch junge Menschen wieder begeistert.

Tobias Banschbach, Fulda

Die historische Analyse, die Kardinal Ratzinger vorträgt, ist differenziert und instruktiv. Von wem stammt sie? Wie enttäuschend, dass die Rezeptur doch wieder auf den bekannten katholischen Führungsanspruch hinausläuft. Das ist zum Glück durchsichtig genug und daher kaum der Rede wert.

Alarmiert hat mich aber eine eher unscheinbare Stelle, an der dem Kardinal die Maske vollends entgleitet. Ausgehend von der Kritik, die europäische Charta der Grundrechte decke religiösen Pluralismus, statt eine übergeordnete (aber natürlich christlich gedachte) Gottheit als verbindlich zu setzen, wagt er zu fordern, dass Ehrfurcht vor einem solchen in der Charta "verankerten" Gotte "sehr wohl auch demjenigen zumutbar ist, der selbst nicht an Gott zu glauben bereit ist".

Ich möchte daran erinnern, dass genau dieser "Denk"schritt die Kulturzusammenbrüche des 20. Jahrhunderts ermöglicht hat.

Peter Baur Neckarbischofsheim