Pozarevac/Belgrad

Drei Stunden nachdem die Demonstranten am 5. Oktober das jugoslawische Parlament gestürmt hatten, warf sich ein 26jähriger Rennfahrer in seinen Jeep. Das Gefährt schoss aus einem Anwesen, das sich hinter weißen Mauern versteckt, etwa 80 Kilometer östlich von Belgrad. Der Mann fuhr um sein Leben. Die Verfolger hingen dicht hinter ihm. Er entkam ihnen um Haaresbreite. Zwei Tage später landete er in Moskau unter dem Namen Ivanovic.

Sein richtiger Name lautet Marko Milosevic. Die Stadt, aus der er floh, heißt Pozarevac. Aus ihr stammen seine Eltern, Slobodan Milosevic und Mira Markovic. In den vergangenen Jahren war Pozarevac an Marko übergegangen. Der Politmafioso und Mäzen einer Event-Kultur zwischen Disneyland, Rambobars und Rennwagen nutzte die Stadt als Experimentierfeld.

Gleich nach dem Sturz des Vaters gingen in Pozarevac die Läden des verhassten Sohnes zu Bruch. Ein Drittel der 56 000 Einwohner machte mit. Marko und seine Leibwächter in ihren Händen - und die samtene Revolution wäre blutig verlaufen. Alles sähe heute anders aus. Der friedliche Machtwechsel, der an diesem Sonnabend vor Heiligabend mit den vorgezogenen Wahlen zum serbischen Parlament sanktioniert wird, hing damals an wenigen Minuten.

Manche Intellektuelle in Belgrad denken inzwischen laut: Vielleicht wäre es anders besser gelaufen. Milosevic ist am Ende zu leicht gefallen. Hundert Tote hätten die faulen Kompromisse verhindert. Die gemeinsamen Auftritte und Absprachen der Demokratischen Opposition (DOS) mit Milosevics Geheimdienst-, Armee- und Polizeichefs, die immer noch amtieren und ungestört belastende Dokumente vernichten können.

Die Intellektuellen reden so zynisch, weil sie eine Allianz zwischen der neuen und der alten Macht wittern: bei der Privatisierung, in Schwarzhandel, Korruption und Medien. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung aber sieht in Präsident Kostunica den guten Herrscher, der den schlechten abgelöst hat.

Wenn er nur alles zum Besseren wendet, dann braucht er keine Mauern einzureißen und niemanden zum Richtplatz zu schleifen. Außer, natürlich, Milosevic. Den wollen nach der jüngsten Umfrage 72 Prozent in einem serbischen Gefängnis sehen. Ein türkisches oder chinesisches dürfte es auch sein. Und 20 Prozent wünschen ihn sogar nach Den Haag. Milosevic ist allein als Sündenbock. Und Kostunica so populär, wie es Milosevic nicht einmal zu Beginn der neunziger Jahre war.