Mindestens einmal am Tag streift der alte Herr Albrecht sein Tweedjackett über, bindet sich eine Krawatte um und geht hinunter ins Geschäft. Er mustert die akkurat in Reih und Glied aufgestellten Linzer und Pariser Schnitten hinter der Glasscheibe der Theke. An seinem Hosenbund baumelt ein riesiger Schlüsselbund. Er öffnet alle Türen. Dreht an den Reglern der Heizkörper, wenn sie für seinen Geschmack zu kalt sind. Wechselt ein paar Worte mit einem Stammgast. Gibt der frisch eingestellten Bedienung angestrengt freundliche Ratschläge. Schimpft gnadenlos über die neue Anordnung der Verkaufsregale.

"Es ist schwer loszulassen", gesteht er. Deshalb benimmt er sich immer noch so, als sei er hier zu Hause.

Doch vor einem Monat hat die Conditorei Albrecht den Besitzer gewechselt, mit 88 Jahren. Eberhard und Ruth Albrecht waren alt und verbraucht. Ihre beiden Söhne wollten das Geschäft nicht übernehmen. Das Personal, lebenslange treue Gefährten, ist nach und nach in Rente gegangen. Am Schluss bediente Herr Albrecht höchstpersönlich die Gäste des Cafés. Die manuelle Produktion in der Backstube war zu teuer und lohnintensiv und verlangte ständigen persönlichen Einsatz. Der Umsatz schrumpfte wie ein Chagrinleder. Der klassische Überlebenskampf eines kleinhandwerklichen Betriebs.

Schließlich blieb Albrecht nichts anderes übrig, als an eine Großbäckerei zu verpachten. Es war schon ein kleines Wunder, dass die Albrechts sich überhaupt so lange halten konnten. Wir Stammgäste sahen das Ende schon seit Jahren kommen. Ab und zu redete einer von uns auf den alten Herrn Albrecht ein: "Ändern Sie hier bloß nichts!" Der Lebensmittelhändler von gegenüber war fest entschlossen, das ganze Viertel auf die Barrikaden zu rufen, wenn der schönsten Konditorei Berlins auch nur ein einziges Haar gekrümmt würde. Die Bäckerinnung ehrte den "Kultbäcker". Die Ämter drückten schon mal ein Auge zu, wenn es um den baulichen Zustand und die Mäuse ging, die sich im Winter in der Backstube aufwärmten.

Die Conditorei Albrecht in der Günzelstraße in Wilmersdorf gehörte nicht zu jenen angesagten Adressen, die, wie das Café Einstein, Touristen und Geschäftsleute in einer selbstherrlich kultivierten "Atmosphäre" der Jahrhundertwende empfangen. Sie war auch nicht, wie das Hotel Adlon, eine dieser seelenlosen, kitschigen Fälschungen, die das neue Berlin in seiner Historisierungsmanie hervorbringt. Die Conditorei Albrecht war eine kleine Institution im Kiez und widmete sich ganz dem alltäglichen Verkauf. Hinter der 100 Jahre alten Kasse auf dem Marmortresen verbarg sich ein kleines dunkles Café, das die Eltern Albrecht im Jahre 1913 eröffneten. Alles in einwandfreiem Jugendstil, die weiß lackierten Stühle, die kleinen Marmortische, die Fensterläden aus Holz, die schummrigen Wandleuchten, die babyfarbenen Paradiesvögel auf dem schmiedeeisernen Gitter über der Sitzbank, alles, was nicht von den Bomben zerstört oder "vom Russen" geplündert worden war, befand sich noch an seinem alten Platz. Die Vorhänge waren ganz vergilbt von der Sonne und dem Staub. Das Geschirr wurde im Hinterraum mit der Hand gespült. Am Ende eines schmalen Flurs, in dem es nach Hefe und Gewürzen duftete, befand sich eine einzige, winzige Toilette. Auf dem Weg konnte man sich eines der Plätzchen stibitzen, die zum Abkühlen auf langen Holzbrettern lagen.

Eberhard Albrecht erinnert sich schmunzelnd an den jahrelangen Kampf mit den Berliner Ämtern, die ihm das vorschriftsmäßige Triptychon aus Vorraum, Waschraum und getrennte Toiletten für Damen und Herren auferlegen wollten.

"Es hat uns fast ruiniert, dass man hier in Deutschland die Vorschriften so streng einhält. In den anderen europäischen Ländern hält sich kein Mensch daran", ärgert sich Eberhard Albrecht. Die improvisierten Klos Pariser Cafés, "wo man schon froh sein muss, wenn man die Tür verschließen kann und einem die Spülung nicht die Hose voll spritzt", sind ihm ein Zeichen geistiger Freiheit.