Endlich, Winterbeginn. Jetzt, jetzt müssten die Eisblumen blühn, müsste die Alster zufrieren, der Nymphenburger Kanal, unser kleiner namenloser Baggersee. Am liebsten so wie zum Beispiel im Jahr 1775, als noch niemand El Niño, das wetterwendische Christkind, zu fürchten brauchte. Schon am 21.

Dezember berichtet der kurz zuvor an den Weimarer Hof berufene 26-jährige Goethe an Freund Lavater in Zürich: "Nach einem herrlichen Wintertag, den ich meist in freyer Luft Morgens mit dem Herzog, Nach Mittag mit Wielanden zugebracht habe, ziemlich müd und ausgelüfftet von der Eisfahrt siz ich bey Wieland ..."

Zürich schickt begeisterten Zuspruch, eine anfeuernde Short Message: "Ha! Wie fliegt dir mein Blick mit hoch aufschlagender Brust nach, wenn auf dem glashellen Eis dein Fuß den Geniusflug fliegt! Ferner, fliehender, naher du kühner, Fester und Schneller, wende schwebender dich wie Feuer-Räder und treibe dich auf den schauenden hin und grüß' ihn und wende dich wieder!"

Die Eislauflust kommt über Weimar: Was der Neue aus Frankfurt da mit seinen stählernen Schnabelschuhen vormacht, bringt alle zum Auftauen. Das Schlittschuhverbot für die Jugend wird umgehend aufgehoben. Damen von Rang lassen sich aufs Glatteis locken. Man feiert, flaniert und flirtet im Gleiten. Und Herder, der oberste Geistliche des geistvollen Herzogtums, gibt den "Eisfahrern" im zweiten Jahr dieses neumodischen Treibens feierlich seinen Dichtersegen: "Wir schweben, wir wallen auf hallendem Meer, / Auf Silberkrystallen dahin und daher: / Der Stahl ist uns Fittich, der Himmel das Dach, / Die Lüfte sind heilig und schweben uns nach. / So gleiten wir, Brüder, mit fröhlichem Sinn / Auf eherner Tiefe des Lebens dahin."

Klingt allerdings reichlich nach gravitätischem Menuett, nach Pflicht. Noch daheim in Frankfurt hatte Goethe indes bereits in der Saison 1773/74 eine veritable Kür als Kufenkünstler hingelegt, auf den Wiesen an der zugefrorenen Nidda. Musik gab's und Wein und Teilchen. Verehrerinnen die Menge. Eine Maximiliane, der er gefallen wollte - und Mutter Goethe, die schwadronierte, als sei's fürs Fernsehen: "Da fährt er hin, wie ein Göttersohn auf dem Eiß.

So was Schönes giebts nicht mehr ..." Wilhelm von Kaulbach, der Münchner Salonliebling, hat die Szene ein Jahrhundert später gemalt.

Es muss eine regelrechte Manie gewesen sein. "Einen herrlichen Sonntag so auf dem Eise zu verbringen, genügte uns nicht", erinnert sich Goethe in Dichtung und Wahrheit. Bis "spät in die Nacht" frönte die empfindsame Jeunesse dorée jener Zeit dem neuen Sport, und allenthalben deklamierte einer der Mitläufer den großen Meister und Mentor des winterlichen Zeitvertreibs: Klopstock!