Was hätten wir dafür getan, mit ihm befreundet zu sein! Mit ihm, Timm Thaler, dem süßesten 13-Jährigen der Fernsehgeschichte, dem Jungen, der sein Lachen an den Baron verkaufte - und uns damit vor sterbenslangweiligen Weihnachtsnachmittagen rettete. 1979 lief die Weihnachtsserie erstmals im Fernsehen und brannte sich so tief in unser Gedächtnis, dass wir noch 20 Jahre später aahs und ooohs hauchen, wenn wir an ihn denken und an seine braunen dicken Locken und die Bermuda-Shorts, die er immer anhatte.

Danach wurde die Welt ein bisschen trauriger: Aus dem lockigen Schauspieler wurde ein eckiger Mann, der Fernsehmoderator Tommy Ohrner. Sicher, es gab in den folgenden Jahren viele andere Weihnachtsserien im ZDF (Silas, Anna, Patrick Pacard et cetera), aber keine davon konnte uns jemals wieder so berühren wie jene. Auch wenn wir uns heute kaum noch an die Details erinnern können. Wie war das alles noch mal? Wir ließen uns von Justus Pfaue, dem Autor des Drehbuchs, auf die Sprünge helfen.

Was war der Baron eigentlich von Beruf?

Der war Industrieller. Er kontrollierte den Getreideanbau, das Öl, eben alles, was wichtig ist. Außerdem hieß er Le Fuet - von hinten gelesen also Teufel. Und was kann der Teufel nicht? Lachen. Er hat einen Industriekonzern, der die ganze Welt umfasst, aber viele seiner Geschäfte scheitern, weil er nicht lachen kann und immer so böse dreinschaut. Und wenn er lachen könnte, dann hätte er mehr Erfolg, glaubt er.

Wieso verkaufte ihm Timm überhaupt sein Lachen?

Das war das Geschäft, das er mit dem Teufel gemacht hat: Der Baron bekam sein Lachen, und dafür wurde Timm der reichste Junge der Welt, der jede Wette gewinnt. Timm konnte sagen: Wetten, dass ich die 60 Blechdosen auf dem Rummelplatz treffe - und es funktionierte. Wetten, dass ich morgen auf den Kanarischen Inseln bin - und er war da. Das war ja das Absurde an dieser Story: Mit einem einzigen Satz hätte die Geschichte schon am Anfang zusammenfallen können: einfach indem Timm Thaler gleich am Anfang sagt: Ich wette, dass ich mein Lachen wiederbekomme. Dann wäre der Film schon zu Ende gewesen.

Wie hat der Baron Timm Thaler gefunden?

Er ist durch die ganze Welt gereist und hat ganz viele Leute getestet. Und Timm Thaler aus München hatte das schönste Lachen.

Warum musste Timm Thalers Vater sterben?

Das habe ich dazuerfunden, weil es ja sonst völlig unwahrscheinlich gewesen wäre, dass jemand sein Lachen verkauft. Noch dazu an so einen komischen Düstermenschen wie Horst Franck, der den Le Fuet spielte. Der war zwar fürchterlich reich und ging ins Museum, guckte aber immer so grimmig. Durch den Verlust seines Papas, der als Fluglehrer bei einem Unfall gestorben war, ist Timm so traurig, dass ihm das Lachen durchaus verzichtbar erscheint.

Wieso schritt die Mutter nicht ein?

Die Mutter wusste nicht, dass Le Fuet der Teufel war. Das haben wir auch nicht so deutlich gezeigt, sonst wäre das ja Kasperltheater geworden. Und das ist das Schlimmste, was man mit Kindern im Fernsehen machen kann: sie wie Kinder behandeln. Die Mutter fand jedenfalls die ganze Sache nicht so gut und machte sich Sorgen um ihren Sohn. Sie war auch diejenige, die ihm schließlich klarmachte, dass er eigentlich nur darum wetten muss, sein Lachen zurückzubekommen.

Hatte Timm noch andere Helfer?

Natürlich. Im Buch von James Krüss, das übrigens das erfolgloseste seiner Bücher war, hatte er viel zu viele Helfer, ich habe ihm einfach eine Nonne und einen Seemann an die Seite gestellt.

Wo lag diese surreale Insel, auf der Le Fuet sein Hauptquartier hatte?

Die Insel hieß im Film Aravanadi, aber gedreht wurde auf Formentera. Dort haben wir genau das Umfeld gefunden, das geheimnisvoll genug war. Ein Luxushotel in einem erloschenen Vulkan, gebaut von César Manrique, das ist der berühmteste Architekt der Kanaren. Das Hauptquartier haben wir im Studio Hamburg aufgebaut. Hier standen die Monitore des Barons, von denen aus er die ganze Welt im Auge behielt, wie der Teufel das eben so macht.

Haben Sie die Karriere von Tommy Ohrner weiter verfolgt?

Ich habe sie in Gang gebracht. Ich habe mit ihm schon mal einen Werbefilm gedreht, als er drei oder vier war. Das kann für Danone oder Rama gewesen sein, genau weiß ich's nicht mehr. Als er zehn war, habe ich eine Art Klimbim für Kinder mit ihm gedreht, da hieß er Fritz, der Fußballer.

Die Suche nach Timm Thaler war schwierig. Zunächst hieß es, der Junge muss Talent haben. Aber ich meinte: Der Junge muss überhaupt kein Talent haben, sondern muss über 120 Drehtage am Set sein, ohne dass ihm die Lust vergeht.

Tommy Ohrner war jemand, der stur 120 Tage drehen konnte. Jedes Kind würde gemeinhin sagen: Nö, jetzt habe ich keine Lust mehr, weil es doch ständig am Set warten muss. Später habe ich noch einige Sachen mit Ohrner gemacht, Merlin, Manni der Libero. Aber er war eben nur, wenn überhaupt, eine Pubertätsbegabung, danach eigentlich ein lausiger Schauspieler und mäßiger Moderator. Ich habe generell den Eindruck, er versäumt einen anderen Beruf.

Timm Thaler war die erste Weihnachtsserie - auch die erfolgreichste?

Ach, was! Ganz im Gegenteil, die Geschichte ist doch viel zu konstruiert, zu abstrakt. Die Serie Anna mochte ich viel lieber, das war eine Geschichte aus dem Leben, da ging es um einen echten Konflikt. Die Tanzerei war gar nicht so wichtig. Hauptperson war ein Mädchen, das in eine schwierige Situation kommt, sie ist durch einen Unfall gelähmt. Es ging darum, sich in einer schwierigen Situation durchzukämpfen. Was passiert, wenn du einen Unfall hast und dich aufgibst. Das hat unendlich gut funktioniert, viel besser als Timm Thaler, finde ich.

Worüber würden Sie heute eine Weihnachtsserie schreiben?

Das weiß ich nicht. Die Zeit der Weihnachtsserien ist vorbei, die Produktion ist den Öffentlich-Rechtlichen zu teuer. Weil sie über die Weihnachtsfeiertage keine Werbung senden dürfen, fehlen ihnen angeblich die Einnahmen, um so eine aufwändige Produktion zu finanzieren. RTL hat mich mal gebeten, eine Weihnachtsserie zu schreiben, aber die haben mir gleich gesagt, was sie gerne hätten: einen Hund, der Wuffwuff heißt und alles durcheinander bringt, ich bitte Sie, das ist doch Blödsinn.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE SABINE RENNEFANZ Justus Pfaue, 58, lebt heute als Schriftsteller und Drehbuchautor in München und Italien. Sein aktueller Roman Die Kirschenkönigin (Ullstein Verlag) wurde gerade verfilmt und läuft im Januar im ZDF. Timm Thaler kann man noch bis Ende Januar 2001 sehen, jeden Samstag um 10.25 Uhr im Kinderkanal.