Vor einem tonnenschweren, dunklen Edelholztisch im Stil der Ming-Dynastie sitzt der 86jährige Pekinger Antiquitätenkenner Wang Shixiang im blauen Mao-Anzug, beugt sich auf seinem harten, ebenfalls aus dieser großen Kunstepoche des 15. und 16. Jahrhunderts stammenden Schreibstuhl vor und blättert durch den ersten ins Chinesische übersetzten Ikea-Katalog. Niemand auf der Welt weiß mehr über klassische chinesische Möbel als der zahnlose Wang. Seine Bücher zum Thema erscheinen in aller Welt und sogar bei der Deutschen Verlagsanstalt. Doch Ikea-Möbel sieht Wang an diesem Tag zum ersten Mal. "Da haben die Schweden uns in Sachen Einfachheit von der Ming-Periode einiges abgeguckt", schmunzelt er. Besonders gefällt Wang der Plastikkinderhocker Mammut im Ikea-Programm. Sein stabiles, niedriges Design habe große Ähnlichkeit mit den Wäschehockern der Ming-Zeit. Sichtlich fasziniert sucht der Kunstforscher nach einer Erklärung: "Ikea liefert offenbar Möbel für jedermann", grübelt Wang. "Das zeichnet auch viele Ming-Stücke aus: Man weiß auf den ersten Blick nie, welches von ihnen aus einer Bauernhütte und welches aus einer Mandarinwohnung stammt."

Unmöglicher lässt sich die Daseinsberechtigung für das unmögliche schwedische Möbelhaus in China nicht formulieren. Doch Wang hat spontan erkannt: Ikea in der Volksrepublik - das ist die Hoffnung auf eine Wohnkultur, in der Studenten flotter als Parteikader hausen. Längst träumt Pekings junge Schickeria den Traum vom schlanken Tomelilla-Sofa und weißem Billy-Regal, während die rote Parteielite noch immer in Lederknautschmöbeln versinkt.

30 000 Besucher zieht es derzeit an jedem Wochenende in den blau-weißen Kaufhausbau an der Ringstraße, wo Ikea vor etwas über einem Jahr seine Pforten öffnete. Kein anderes von den 170 Ikea-Möbelhäusern in aller Welt zieht pro Quadratmeter Ausstellfläche so viele Besucher an.

"Die Chinesen verstanden bisher nichts von Heimdekoration. Wir sind die ersten, die ihnen moderne Lampen und Stühle zeigen", sagt Birger Lund, Pekinger Ikea-Chef und seit 25 Jahren im Dienst seiner Firma. Bisher leitete Lund Geschäfte in Schweden, England, den Niederlanden und Dänemark. Heute erlebt der Zweimetermann, der seine 500 chinesischen Angestellten um einen Kopf überragt, was Ikea in Peking von allen anderen Ikea-Läden unterscheidet: "Wir arbeiten hier in einer Museumsatmosphäre", gesteht Lund. Der Grund: Sein Geschäft hat viele Besucher und wenig Kunden.

Derzeit zeigt das Museum Weihnachten. Zwischen den Discos und Sexshops, die jeden Abend die breite Ringstraße illuminieren, sticht ein hell erleuchteter, drei Stockwerke hoher Weihnachtsbaum ins Auge. Schon am Eingang ins Schweden-Reich glänzt Kerzenlicht, das in China bislang nur in Tempeln brannte. Goldene Leuchter, silberne Teelichter, rote Adventsbestecke locken das neugierige Publikum. Kein anderes Kaufhaus in Peking macht so viel Weihnachtsrummel. "Die Chinesen wissen nicht, wann Heiligabend ist, aber sie mögen die Farben gold, silbern und rot."

In China ist das Billy-Regal etwas für Besserverdiener

Der Unternehmensassistentin Shen Faping hat es Ikea angetan. Seit Stunden schleppt die junge Aufsteigerin ihren verdienstlosen Lebensgefährten von Stuhl zu Sofa und von Kerze zu Lampe. "Wie zauberhaft die Zweige aussehen", erstaunt Shen beim Anblick der weihnachtlichen Dekoration einer Tischlampe.