Today God has become one of Time's favorite cover boys.

Eric Davis, TechGnosis

Zwei Gänger, der eine schmächtig und mittelgroß, der andere aber hager und leicht gebeugt, nickend beide, wie immer, wenn einer den anderen nur bestätigen konnte. Sie gingen vernunftbetont und in sich gekehrt. Doch unversehens, ohne sich gegenseitig an den Ärmel zu greifen, jeder aus dem ureigenen Entsetzen heraus, blieben sie gleichzeitig stehen. Da sagte zuerst der schmächtige Mann: "Das ist er! Der sprichwörtliche Zusammenbruch. Der Fausthieb der Gewißheit, plötzlich die Welt nicht mehr zu verstehen. Das Hereinbrechen von Weltfremde. Der Derwischtanz sämtlicher Fixpunkte. Die unzähligen Verknüpfungen zusammenhangloser Einzelheiten. Das Todesgesumm sämtlicher Ansichten, die wie Schweißfliegen am Gaul der Vernichtung kleben.

Seiner Verrücktheit blinder Galopp, sein Prankengebiß ...! Der donnernde Galopp gegenstandsloser Fragen. Das Zerreißen aller Flüsse. Das Ausufern aller Rinnsale unserer Sekrete und Lymphen. Der Abbruch jeglichen Händeschüttelns und Glückwünschens. Die Speerspitze der kosmischen Stille, die sich unter die Schädeldecke bohrt. Die gierige Meute der Nachzehrer, die aus den Gräbern all der zur Unzeit Begrabenen steigt ...! Die unannehmbare Gnade, vom heutigen Tag an noch fünfundsiebzig unerträgliche Lebensjahre sinn-, taten-, erben-, freud-, mittel- und schwunglos vor sich zu haben ...

- Allein die Gegenstandslosigkeit! fügte der Hagere matt hinzu.

- Wir beide sind vollkommen gegenstandslos. Sie sind jemand, an den ich mich zufällig messerscharf erinnerte, wie an ein Traumgesicht. In irgendeinem Freundeskreis, vor dem ich einen Vortrag hielt, saßen Sie in der vierten Reihe links außen. Sie wiederum erinnerten sich nicht minder zufällig an diesen Vortragsredner, dessen Namen Sie längst vergessen hatten. Also kreuzten sich unsere Wege. Also begegneten wir uns. Kamen miteinander ins Gespräch. Wer weiß, wo. Wer weiß, wann. Meine Frau ist gegenstandslos. Meine Arbeit. Meine Schuhe und meine Hausschlüssel sind es. Dabei ist die Gegenstandslosigkeit der meisten Dinge eine gefräßige Empuse, sie zehrt an allem, was noch einen Restbestand an Gegenständlichkeit besitzt. Vertilgt es, läßt keinen Rest. Das Pochen des winzigen Zorns im feuerroten Ohrläppchen.

Die Fontäne aus weißem Wüstensand, die in ein Brunnenbecken fällt und aus allen Wasserhähnen strömt. Der Schwachsinn als letztes Reservat des Menschen.

Allein der Schwachsinn schützt ihn vor den räuberischen Zugriffen auf sein Gedächtnis. Denn mein Gedächtnis, mein Herz, meine Willenskraft, sie sind ja für jedermann zugänglich, accessibel für jeden, der nichts mehr davon besitzt. Alles Innere derer, die noch so etwas besitzen, steht zur freien Verfügung, ist zu einem weltumspannenden Corpus zusammengefaßt, an dem sich jeder nach Belieben bedienen kann, der selbst nichts Inneres mehr besitzt.

Das Stehenbleiben als Austragungsort wüster Engelsschlachten. Der Schock als Ritterschlag eines unvorstellbaren Grauens.

- Ritterschlag ... Gut gesagt.

- Zwischen der offenen Pforte zum Paradies und der offenen Pforte zur Hölle: Was geschieht da?

- Was geschieht zwischen offenen Türen? Es zieht.

- Richtig. Es zieht. Wir stehen im Zug. Man friert sein Lebtag. Es braust, und wir stehen drinnen schlimmer im Freien als draußen. Der komplette Ausfall aller Himmelsrichtungen.

Das Überangebot an falschen Einschätzungen der Lage. Die Fehldeutung jedes Verbots.

Die Verkennung jedes anderen Menschen. Die Vernunftwidrigkeit jeder Vorsichtsmaßnahme. Das Nichtanderskönnen als Fluch und Gnade, kurz: Gnadenfluch. Noch kürzer: Hilfe! ... Hilfe! ... Hilfe!"

*

Unvorstellbar das Zeitalter, das je auf das technische folgte? Unvorstellbar vielleicht. Doch es zeugt von unverantwortlichem Kleinmut, nicht davon überzeugt zu sein.

Ein aufregender Science-Fiction-Roman wäre sein Gegenteil: Seine Zukunftsvision spielte unter Menschen, die jegliches Interesse an Zukunft verloren haben. Technik, "Information und Kommunikation", ein abgeschlossenes Kapitel. Hin und wieder in ihrer geläuterten Sphäre werden sie sich zu "Forschungszwecken" die Zeugnisse eines hybriden Manierismus der Spättechnologie ansehen, bestaunen und mit einem frostigen Lächeln verabscheuen.

*

Das Technische scheint seine Endlichkeit selbst zu ermessen, sonst würde es nicht derart überstürzt das Reservoir des Möglichen plündern und erschöpfen.

Die kopernikanische Wende, als die man die endgültige Entschlüsselung des Humangenoms begrüßt, stößt auf kein Weltbild mehr, das sie umstürzen könnte.

Für diese gewaltige Neuerung ist die menschliche Zivilisation bereit wie für die zahllosen anderen Neuerungen, die ihr inzwischen nicht mehr zugemutet werden, sondern die sie beständig erwartet und in sich vorformt.

Nun interessiert unsereinen das Erschließbare am Menschen grundsätzlich weniger als das Unerschließbare. Es ist, davon bin ich überzeugt, in unverminderter Fülle vorhanden auf dieser Welt und wird auch durch die raffiniertesten Entschlüsselungstechniken nicht aus ihr vertrieben werden.

*

In einer Wissensgesellschaft kann es den Antityp, der auf die schädlichen Folgen des Fortschritts verweist, nicht geben, wie ihn der Intellektuelle in der Industriegesellschaft vorstellte. Hier wäre der Außenseiter oder Widersacher schnell als ein Zukurzgekommener angesehen, einer, dem mit zu wissen nicht gelang. Gegen das Können hilft kein Könnenverweigern. Sondern einzig die Novalis-Schlegelsche Divination, das große freie und poetische Abirren im Wissentlichen selbst.

Sowenig wie der gesammelte Tagesverstand ohne das Lose und Lösen des Traums "kreativ" werden kann, so wenig kann das Überprüfbare ohne die Schwerkraft des Unüberprüfbaren Gewicht erlangen.

Das hermetische Wissen befindet sich im Spinnpunkt, in der unerforschlichen Gewebemitte all der 6000 heute ausgeübten Fachdisziplinen.

Der Wettlauf der aggressiven Verbesserungen und Erleichterungen, die fast täglich auf irgendeinem technischen oder organisatorischen Gebiet erzielt werden, entspringt einem völlig kohärenten selbstbezüglichen Könnensbewußtsein, das weitgehend immun ist gegenüber jeder unsachgemäßen Fragestellung, jeder Ethik und Moral.

*

Der Wissenswille hebt sich mit Urfluchdrall über den Menschen hinweg und wird als reine noetische Ekstase ohne ihn durchs Weltall irren.

Davon schwärmen jedenfalls die neuen Extropisten, die ausschließlich den menschlichen Geist vergöttern und ihn in die Maschine retten wollen, damit er dem verrotteten Planeten in letzter Minute entkommt, theology of the ejector seat. Diese Neotheilhardisten sind wahrhaftig Körperverächter von echtem manichäischem Schrot und Korn.

*

Statt des Hammers, der Götzen zertrümmert, wäre heute die philosophische Verwendung der Laserlanzette empfehlenswert, die aus dem Wissen die Informationenwucherung entfernt.

*

Besuch der Faust-Proben und der Expo in Hannover.

Unsere alte üppige Bedeutungswelt auf dem Theater, die Symbole! Daneben die neue, großzügig alle Bedeutungen verschleudernde Mixed-Media-Welt, der alles integrierbar wird - nur die Symbole nicht! Von den Müttern führt kein Weg zu den Flächen. Aber welch ungeheure, ausladende Ornamentik auf diesen Flächen!

Planet of visions, keine Blakeschen, sondern reine Erfinder-, Ingenieursphantasien, verblüffende "Fortschreibungen" des Vorbereiteten und Gegebenen.

Die Installationen deuten darauf hin, daß sich dem homo neuronalis ein neuartiges "Organ" bilden wird, mit dessen Hilfe er der Flut gleichzeitiger Einflüsse, impacts, design-ästhetischer Überwältigungen ordnend Herr wird.

Ein Organ, das mühelos multa non multum lesen kann. Ein Scheitelauge der Synchronizität.

Währenddessen in der Probenhalle der Faust nichts Faustisches bekommt, sondern eine phantastische Rückschau auf unsere einst integrierten Geistes-, Anschauungs- und Symbolkräfte bietet.

Die Entelechie wird nicht der Ingenieur sein und nicht der pauschalreisende Methusalem. Sie bleibt immer mit Erlösungsbedarf und -angebot verbunden.

Wollt ihr das totale Engineering?

Kein Demagoge, kein Potentat, der so fragen könnte, auch das Volk sich selber nicht. Nur Gottes eigener Donner könnte es brüllen.

Die Schritte sind dennoch alle viel kleiner als ihre Reflexion. Der Schritt ist klein, das Sprechen darüber sehr groß. Oder es ist hype: in sich übertrieben. Es gleicht eher der intellektuellen Propaganda oder der "Philosophie" der Analysten in den Brokerhäusern.

Unversehens stand ich im Jurtezelt der Kirgisen. Das trügerische Wohlgefühl für alles, das bei sich belassen erscheint. Aus seinem Zelt nicht vertreibbar. Aber das Gefühl ist nicht frei von Gegenpropaganda.

*

Man muß das Gewesene so groß wie etwas Niedagewesenes anschauen.

*

"Man kann diese Entwicklung nicht aufhalten. Man kann sie auch nicht einfach ignorieren."

Gewiß nicht. Aber man besitzt immerhin noch die Freiheit zu wählen, welche Art des Ergriffenseins von diesen Dingen man bevorzugt. Ist man entsetzt, bestürzt, verwirrt? Oder lieber höchst interessiert, verständnisgierig, im Geist täglich aufs neue bereit zu reagieren? Will man mehr von diesem einen Prinzip, oder spürt man das Verlangen nach einem gegensätzlichen, und sei's nur zum Ausgleich? Nur eines will man nie wieder: den Schrei nach Sinn vernehmen.

Aufstehen, gespannt sein, sich wieder hinsetzen, abwarten. Das ist in etwa die Bewegung des Zuschauers bei diesem wie bei manch anderem spannenden Spiel.

*

Jemand fragt, was ich an Bahnbrechendem im Bereich der Kommunikationskultur(!) fürs neue Jahrhundert für möglich halte. Eine Remythisierung? Nun, was die Entwicklung der Techniken betrifft, glaube ich, daß alles den eingeschlagenen, unzählige Male prognostizierten Weg nehmen wird: Prolongationen, Vorgabeerfüllungen, resultierende Prozesse, Sättigungen. Nichts ist zäher als die Substanzbewegung einer Massenkultur.

Die rastlose Erweiterung aller Technik tendiert dahin, unseren Status unwandelbar zu machen. Umkehr und Abbruch des Unternehmens scheinen aus eigenen (menschlichen) Kräften nicht mehr möglich. Eine gewaltige Industrie der Korrekturen und Verschonungen sondiert, verbessert, immunisiert das sich bildende Gebilde und richtet es nach dem alten vermessenen Ziel der Aufklärung: Furcht und Zittern aus der menschlichen Existenz für immer zu verbannen.

Als Fulgurist hingegen glaube ich an den Blitz, der uns irgendwann dazwischenfährt, das heilig Unvorhersehbare. Das ist wohl eine Verbindung zum Mythos. In den öffentlichen Medien kann ich außer der zum Hades eine andere nicht wahrnehmen. Im wesentlichen verdichtet sich dort der Verkehr zwischen lebenden Toten und toten Lebenden. Wiederkehr des Mythos? Mythische Gestalten sind Durchschlagende aus vorgeschichtlicher Zeit. Sie mögen in verdeckten Figurationen wiedererscheinen, durchschlagen bis in unseren Alltag, aber ihr Personal ist komplett, sie sind grundsätzlich nicht erneuer- oder ergänzbar.

Ruhmgestalten von heute sind Hervorbringungen der Friedensliebe und der damit einhergehenden Unterhaltungsbedürfnisse. Mit einem härteren Schicksal, wie Mythen es vorsehen, stehen sie nicht in Verbindung, da auch weniger ihre "Taten" ihren Ruhm begründen als vielmehr ihre Begabung, als Auserwählte der Gewöhnlichkeit zu erscheinen. Wo die Herolde die Heroen ersetzen, hat dies "Reich" seine höchste Macht entfaltet - und damit vielleicht seine historische Kuriosität ausgewiesen.

*

Die grenzüberschreitenden Experimente der Gentechnologie wurden nur so lange für verwerflich gehalten, bis ihnen der entscheidende Vorstoß ins Machbare gelang. Ist die Chimäre einmal an den Tag gebracht, fürchtet man sie nicht mehr. Die Schwelle der Scheu gegenüber dem Klonen von Menschen ist deutlich gesunken. Ein sogenannter Wissenschaftler erklärte vor kurzem: Der Mensch habe nun Gottes Status erreicht, und folglich sei es nun seine moralische Pflicht, sich wie Gott zu verhalten.

*

Wir Selbstmacher machen uns selbst. Lamettries späte Bestätigung wird nun der Nanoreplikator sein. Dem Gott begegnen wir indes nicht in der Keimbahn. IHM entschwinden wir fast: das ungeheuer Kleine der Tüftler, die sich selber nicht mehr ermessen

auch wo sie sich vermessen, werden sie vor IHM immer kleiner.

Einst stand der Mensch Gott näher und war daher größer, wenn auch elender dran.

Was die Heutigen bramarbasierend "Selbstvergottung" nennen, ist vor Seinem Auge nichts als präpotente Aufgockelung, verliert seine Kleinheit nicht und nichts von der unendlichen Entfernung zu IHM.

*

Der artifizielle Mensch hat die Welt der Artefakte hinter sich gelassen. Ein Künstlicher braucht keine Kunst zu schaffen. Seine Werke könnten ihm niemals mehr zurückgeben, als er ist. Großartig ist seine Hinterlassenschaft, sie ehrt den Davongezogenen.

*

Aber die Welt der gebrechlichen Geschicklichkeit, die beinah alles schon Bezeichnete mit der Vorsilbe "Cyber" versehen möchte, mit neuem Vorzeichen also, um all dasselbe noch einmal unter neuem Vorzeichen zu betrachten ...

Keine Beschränktheit kann größer sein als die der medialen Grenzenlosigkeit.

Das Denken ist immer nur unterwegs, sich selbst zu überraschen. Es macht sich aus purem Überdruß an den eigenen Gegebenheiten auf den Weg. Nur wo es auf Überraschungen außerhalb seiner selbst stößt, von hinten überrumpelt wird, versucht es wie unter Schock das alte zu bleiben.

*

Das Globale ist uns längst vertrauter als das Häusliche. Im herdlosen Raum wächst nun das Fernweh nach vertrauten Verhältnissen.

Wenn aber der Globus ein Dorf, dann bitte auch die Kirche darin lassen.

Fortschritte machen beim Sichern der eigenen Begrenzung.

*

Von Leere schwebend die Orte. Jeder Ort entbirgt uns die Verlorenheit des ganzen Wohnens.

Gäbe es mehr Sinnierexistenz und weniger Systemintelligenz ...

Zu beklagen ist der große Mangel an Stubenhockern und die Überzahl von weltfahrenden, an ihr vorbeifahrenden Leuten - und Wissenschaftlern!

*

Im Zukunftsroman ohne Zukunft wird man den Helden als Befreier von Universalismus ehren! Er, der als erster die Ketten der Globalität sprengt!

Er, der uns den Weg aus der Sackgasse des Weltweiten weist. Der uns aus der Sklavenherrschaft des großen Ganzen führt! Mit ihren ersten Erschütterungen und Depressionen wird die fröhliche Ökonomie das Vertrauen und die Mode der Fröhlichen verlieren. Und eines Tages sicher auch wieder ihre Hegemonie über alle Lebensinteressen. Erst dann wieder wird es ernsthaft Bedürftige geben, die sich aus den goldenen Verliesen erheben und zum Licht am Ende des Entlüftungsschachts hinaufstreben.

Heute prahlen selbst die veranstalteten Dichter mit ihren Aktiendepots und anderen Investitionsanteilen. Das Geld ist allen anderen Leidenschaften "integriert". Es ist die Antisehnsuchtsmacht schlechthin. Schal und erfolgreich, geht es zu wie zur ersten Gründerzeit. Nur ohne den riskanten Treibsatz der Selbstgefährdung durch Ideologie.

*

Die amusische Intelligenz hat seit je einen großen Bedarf an Fremdbestimmung.

Auf den vormals ideologischen Sündenfall wird nun ihr szentistischer folgen.

(Zunächst freilich gerät sie nur in die Falle ihrer eigenen Versäumnisse: die sehr verspätete Entdeckung des amerikanischen Wissenschaftsjournalismus, dessen populäre Zukunftsthesen seit jenem berühmten Man and Future-Symposion von 1962 ständig veralten und dabei niemals etwas von ihrer charismatischen Naivität einbüßten.)

*

Das Unglück mußte einer erst finden unter diesen Schuttbergen geschäftigen Glückens ohne Glück. Das Gefühl des Scheiterns, zu tief verschüttet unter den Trümmern des Gelingens. Nicht die Sibylle der Wahrsagung, der Verrücktheit, der Revolution - allein die ausgrabende Stimme.

*

Jemand sagte: Ich warte, bis auch mein Postbote weiß, was tissue engineering ist. Dann erst greife ich zu und weiß es auch. Ich will, daß die Sache in aller Munde ist, bevor sie in meinen kommt. Ich ertrag nicht mehr gut, zu denen zu gehören, die das Zeug bereits mit der ersten Lieferung zu wissen bekommen und es dann nicht behalten können, einfach weil es noch nicht genug Leute gibt, die es auch wissen. Für wenige ist das neue Wissen zuviel, zu neu, sie können's allein nicht behalten.

*

Das Raffinement wird einzig dem Grobianismus zugeführt, der Barbarisierung unserer Sinnenwelt, und dient nur zu deren Verstärkung. Wir gewöhnen uns an die Sensation, von unzähligen Bildern beschossen zu werden, aber wir gewöhnen uns nicht an die Entbehrung eines einzigen Leih-Bilds der Ewigkeit.

*

Leopold Ziegler: Die Schwebe zwischen Himmel und Erde - die Schaukel ist der eigentliche Ort des existierenden Menschen.

Fortschritte im Religiösen kann man so wenig machen wie das Unendliche vermehren. Auch kann es keine neue Einsamkeit geben.

*

Seltsam, daß wir letztlich immer noch mit all unseren Gedanken in die Falle des Fortschritts rennen, den Rachen der Zeitlichkeit zu stopfen suchen. Die Erkenntnis des Kreises und der Kreisläufe ging uns noch nie zu Herzen. Das Auf und Ab, die blobs and hops, die Hupfer und Tupfer, die Blasen im Fumarolenschlamm, die unregelmäßig da und dort sich blähen und zerplatzen, wechselnde Bewegungszentren einer unwandelbaren Ständigkeit - so würde mir ein Weltbild heute einleuchten.

*

Der Mensch, heißt es, sei das einzige Wesen, das sich beim Leben zuschauen kann.

Bis zu einem gewissen Grad, wird man wohl einschränken müssen. Das Wichtigste vom Leben sieht auch das Selbstbewußtsein nicht. Im Verhältnis zur konsensitiven Trance, die das große Ineinander aller unserer Schritte bestimmt und an der wir nichtsahnend, nicht wissend partizipieren, ist auch das Selbstbewußtsein nur ein eingeschränkt souveränes Evolutionsprodukt.

Vielleicht sogar ein vorübergehendes O r g a n? Wir sehen uns nicht mehr beim Leben zu, als es gerade für dieses erträglich ist und uns ermöglicht, ohne fremde Hilfe zu atmen. Das Selbstbewußtsein behindert die Grazie nicht, es ermöglicht im Gegenteil erst, daß wir einen Sinn für Grazie besitzen. Es ist ein Medium und nicht der Widersacher.

*

Wie erloschen der einst glühende Eifer, sich ein besseres Leben vorzustellen!

Wie säuerlich abgetan klingt das linkssentimentale "Wir brauchen neue Utopien". Eine Utopie, das schönste unerreichbare Ziel wäre es nämlich, all das Neue, das unsere Wesensart zu unterwandern droht, verkraften zu können und dennoch (in etwa) die alten zu bleiben.

Im Gegebenen liegt genügend Vorstellungswelt. Also empfinden wir nicht ein Bedürfnis nach mehr Vorstellungskraft, sondern nach größerer Verkraftenskraft.

Das bißchen Zeit, das uns noch bleibt, werden wir zum Innehalten nutzen, um langsam zu begreifen, was wir sagen, indem wir schließlich Indras Tochter widersprechen müssen: Nein, es war nicht mehr schade um den Menschen.

*

Jemand sagt: Die uralten Gebote werden stärker sein als die neuen Freiheiten.

Der Mensch versuche die Götter nicht, wird sich auf das rettungsloseste bewahrheiten.

Darauf hat es der Bioingenieur leicht, mit einem Schmunzeln zu antworten: Es gibt keine Probleme mit dem Fortschritt. Es gibt nur Probleme mit zu vielen rückständigen Menschen.

Und wir hätten ihm das Wort nach dem Muster Victor Hugos herumgedreht: Es gibt keine Finsternis, es gibt nur Erblindete. Es gibt keinen Fortschritt, es gibt nur Verblendete.

In der Replik ist nichts mehr zu gewinnen. Nur das Anderslautende kann Antwort geben.

*

Die große Zunahme an surrealer, mediengestützter Phantasie hat bis heute keine künstlerische Gegenwelt heraufbeschworen (die Schärfe des einen Bilds, der Tanz im streng begrenzten Bewegungsraum). Es gibt offenbar in der ästhetischen Sphäre nichts Gegnerisches mehr, sondern nur noch konsensitive Kräfte, die es drängt, sich dem Selben zu verbinden.

*

Noch sind wir Wesen vor der großen Fusion. Nach dem Anschluß des persönlichen Bewußtseins an den Daten-lifestream des Computers wird jeder weit über seine Verhältnisse leben. Seine indviduelle Lebenserfahrung, seine Lebensdaten werden in seinem Bewußtseins- oder Datenleben nahezu verschwinden.

*

Wir erleben j e t z t die Stunde, die niemals kommt. Die Entwurfserfahrung ist der eigentlich virtuelle Gehalt der neuen Technik. Früher war, was der Fall ist. Heute ist, was wird. Proponieren, propagieren, prosperieren, projektieren - nur das Unvorstellbare kann hier contra geben.

Die Klügeren unter den Neuro-Mantikern, den Nervenlesern und Systembeschauern, träumen von der Überwindung ihrer Epoche.

"Wir erledigen auch dieses hybride Programm noch, weil es eben erledigt werden muß. Wir bringen es hinter uns, um uns dann neu gerüstet wieder den alten großen Versuchungen des Lebens zuzuwenden."

*

Kenosis des Menschen. Seine Selbstentäußerung, die nun den Dingen Leben einhaucht. Um ihretwillen ist "er, der reich war, arm geworden" (2 Kor. 8,9).

*

Die Dinge raten den Menschen: Werdet nicht wie wir (sicut materia)! Gehöret nie zu dem Unseren! ... Helle, schöne Dinge sind's, die auch mal eine Lippe riskieren ...

Wir sprechen von den komplexen Abläufen im Hirn, im Gemüt, im endokrinologischen Bereich - zum Erfassen der intimsten Zusammenhänge haben wir einzig diese vage Sammelvokabel: Komplexität. Nichtssagender geht es kaum. Solche Wörter sind uns nur im Weg.

Sie haben geradezu inhibitorische Wirkung. Sie hemmen den Geist darin, seiner Technik auf die Schliche zu kommen. Man unterschätze nicht die "Botenstoffe" der Sprache. Es gibt geisthemmende und geiststimulierende Begriffe.

*

Die programmierende Intelligenz steht sicherlich dem Denksportler näher als dem Denker.

Der Denksportler wird selten ein Arkanum erkennen, er begegnet nur Rätseln, die er auch lösen kann.

Die Sprache, in der ich Glück und Leid erfuhr, kann das Jetzt-Geschehende nicht wiedergeben.

Die aber das Jetzt-Geschehende beurteilen oder sogar mitbestimmen, besprechen es allenfalls, denn Sprache ist für sie nur ein sekundäres Medium

es dient eher dem unbeholfenen Informationsaustausch.

*

Es gibt wenig gegenwärtige Menschen, doch jede Menge Gestalten im Kontext einer kodifizierten Gegenwart, die nur unter ihnen besteht und geregelt wird.

Gegenwärtig erscheint mir nur der, der bestrebt ist, die Mauern des bloß Interessanten zu durchbrechen. Diese Mauern, die uns alle von der Gefahr der P a s s i o n abriegeln. Und die Schlingkräfte des bloß Interessanten sind so gewaltig, daß sie alles, was sich ein wenig zu erheben sucht, zurück in ihre fesselnde Mitte ziehen.

*

Man wird sich nicht mehr auf die Suche nach der verlorenen Zeit begeben, sondern auf die Suche nach dem verlorenen Sinn für die verlorene Zeit.

Das Fehlen jeglicher Abschiedsstimmung zeigt an, wie wenig wir noch spüren von dem, was wir nicht mehr sind. Das Herz ist ein wummernder Klumpen von Entwürfen. Es ist unfähig, kulturelle Verluste zu empfinden. Um zu erfahren, wie sehr begabt es dazu war, sollte man immer wieder einmal Ozu-Filme sehen.

Herbst der Familie. Ein Mann kehrt bei seiner früheren Geliebten ein. Seine Firma liegt darnieder, die Tochter, die er (vermutlich) mit der Geliebten hatte, geht mit wechselnden Amerikanern aus. Eine Leuchtreklame über der Bar: New Japan.

Offenbar trennen wir uns von nichts, weil das neue Deutschland nichts Altes verlor. Zerstört wurde es nicht in unserem eigenen Krieg, sondern in dem der Amerikaner in Vietnam. Danach gab es nichts Altes mehr.

*

Wären die rechtsradikalen Jugendbanden wirklich rechts (und nicht nur ein Spätprodukt unserer sonst so hoch geschätzten "Anti"-Phasen-Kultur), so könnte man immerhin vermuten, daß sie von einem Grauen, einem Schwindel vor der Tiefe der ausgemerzten Vergangenheit ergriffen und zu ihren üblen Haßtaten enthemmt würden.

Vor dem unabsehbar Neuen, dem unsäglichen Abschied haben wir es vermehrt mit indikatorischen Vorgängen und Zwischenfällen zu tun. Sie geben nicht deutlich zu verstehen, was sie meinen. Sie zeigen jedenfalls mehr an, als politische oder soziale Befunde zu erfassen vermögen. Man muß dabei berücksichtigen, daß nicht wie einst herausragende Subjekte "etwas fühlen", sondern die unterschiedlichsten konsensitiven Kollektive eine viel schärfere Witterung besitzen. Gegenwartseinschätzung und Zukunftsahnung stiften Gemeinschaft und bauen zuweilen ähnlich geschlossene Phantasmen auf wie biestige Ideologien.

Das Vergangenheitsorgan ist an alledem nicht beteiligt, es ist verstümmelt oder vollständig ektomisiert.

Aber kann denn einer sagen: Ich bin traurig über meine verlorene Traurigkeit?

Meine Generation wird niemals aus kulturellem Einstweh etwas Bedeutendes hervorbringen. An die Stelle von erschütternder Wiederkehr ist eine harmlose Recycling-Technologie getreten, an die Stelle umstürzender Romantik oder Reaktion milde Nostalgie. Kurzum, es herrscht die ewig erneuerbare Gegenwart.

Allein und ausschließlich.

*

Der Abschied bei Ozu besteht darin, daß Japaner allmählich aufhören, Japaner zu sein. Das ist zunächst eine Folge des Kriegs, folgenreicher für den Sittenwandel jedoch ist die technische Okkupation. Der Fortschritt, diese uralte Dampfmaschine, die die Geschichte der Völker verbraucht und verpufft und dabei immer ökonomischer und intelligenter wird, bis sie, zur winzigen biologischen Maschine geschrumpft, ins Zellgewebe des Individuums vordringt.

Jemand sagte: Fahren Sie schnell nach Indien. Bald gibt es kein Indien mehr.

Fahren Sie schnell nach Deutschland, bald gibt es kein Deutschland mehr, das könnte niemand sagen, denn ein eigentümliches Deutschland gibt es schon seit langem nicht mehr. Und so ist es auch nicht weiter von Bedeutung, wenn es demnächst immer weniger native Deutsche gibt. Das Land, das geheime Land, das man in sich trägt, ist längst vergessen. Nicht einmal der heilige Akt der Wiedervereinigung hat es in Erinnerung bringen können. Diese Deutschen haben sich Rücken an Rücken vereinigt.

In Ozus Heimat versuchte einst ein Dichter das alte Japan zu retten. Mishima.

Hauptmann eines kleinen reaktionären Haufens, der gegen Telegraphendrähte kämpfte.

Und sich schließlich entleibte. Es ist nie vergeblich, wenn ein Dichter den Opfertod stirbt.

Diese Nachricht wird immer erinnert, wenn der brutale und verheerende Abschied droht. Sie ist tiefer und dauerhafter als die Abermilliarden Nachrichten, die über die Telegraphendrähte und Netze rasen.

*

Jede Form der spirituellen Überwindung von Kritik bleibt ungewagt. Die Intelligenz fällt zurück auf ihre alten skeptischen Floskeln, mit denen sie auch den neuesten blinden Fortschritt wieder sehend machen möchte. Oder sie hört überhaupt auf zu sein und macht dem börsenorientierten Wissenschaftsjournalismus Platz oder der Propagandaabteilung der großen Labore, die gleichzeitig Anlageberatung betreiben.

*

Herbstnachmittag, 1962. Ein Witwer verheiratet seine Tochter. Das ist alles, zutiefst alles. Unvorstellbare Schönheit des Mädchens. Die Männer, ein einziger Reigen von Sake-Gelagen, lächeln und können es nicht fassen: Japan den Krieg verloren! Ein Krieg, in dem Japan sich verlor. Welche Illusion! Von heute gesehen. Auch ohne Krieg wären sie alle Amerikaner geworden. Die Tochter zum Schluß im Hochzeitskleid: eine Wiederauferstehungsvision. Man sieht jäh aller Vergangenheit auf den Grund: Der tiefste Ring des Brunnens ist immer das Zeremoniell. Das Bild der weiß geschminkten demütigen Braut im Zeitalter der ersten Kühlschränke, das nun wiederauftaucht, fast überhell, am Ende der kulturellen Heterodoxie - als könne sich doch noch im letzten Augenblick ein Bewußtsein bilden aus dem Heraufrufen zeremonieller, kulturprägender Bilder. Wo aber kein Sinn mehr für Versprechung, dort herrscht allein die zynische Lamie, die müllfressende, denn Blut kann sie aus den virtuellen Kindern nicht mehr saugen. Aber das Bild ist ja nur als Epiphanie stark genug! Alle Hoffnung wie alles Gedenken konzentrieren sich auf solche Epiphanie. Das Leben ist ohne den dazwischen scheinenden Gott unlebbar. Er erscheint im Flash über allen Flashs, erschütternd unvermittelt.

Heute wird uns ein Film kaum je noch zur Anschauung gebracht, er wird uns förmlich auf die Pupille gedampft. Alles wird unseren Sinnen aufgedampft, als wären sie starr wie ein Karosserieblech.

*

Natürlich konnte Nietzsche lediglich einen toten Gott, eine Attrappe, eine Maske für tot erklären. Natürlich ist der Mensch bereits Maschinenmensch, bevor ihn die Nanoboter übernehmen. Natürlich ist er thymisch längst erledigt, bevor er genetisch mutiert. Und nur sein ausgeblasenes Innenleben ermöglichte den Einzug des Weltganzen.

*

Ein einzelner Mann, Blake, Schöpfer einer künstlerischen Mythologie, einer mit eklektischen Figuren bevölkerten Komplettvision. Bastardisierung religiöser Gestalten von Anbeginn - beginnlose, unendliche Vorläuferschaft jeglicher Gestalt. Jeder Archetyp ist synthetisiert. Das Religionszimmer, in dem du das eine bergen willst, ist überfüllt mit Cargo-Kult-Stücken. Hier würde man ebenso vergeblich nach einem Urbild suchen wie in der Teilchenphysik nach der einheitlichen Urkraft. Am Ende löst sich alle Figuration/Materie auf in abstrakte Symmetrien. Vor allem Sein ein Maß.

*

Angst des Lebens im Sinne des späten Schelling, der wußte, "daß der Grundstoff allen Lebens und Daseins eben das Schreckliche ist", ist, nachdem die künstlerisch-panischen Reservoirs erschöpft sind, ganz nach außen getreten. Das Schreckliche ist unser aller Leben und Wirken, einschließlich der Tatsache, daß wir nichts davon spüren. Hin und wieder ist dem objektiv Schrecklichen ein einzeln Erschreckender "zugedichtet". - "Der Täter ist zum Tun bloß hinzugedichtet - das Tun ist alles" (Nietzsche).

*

Man kann heute den Hauch einer Kraftveränderung in der Maßeinheit Pictonewton messen. Ein Pictonewton entspricht zum Beispiel der Kraft, die der gebündelte Lichtkegel einer gewöhnlichen Taschenlampe auf eine angestrahlte Fläche ausübt. Mit welcher Kraft drückt denn mein Schatten auf die Wand?

So werden die Maße der Technik immer feiner und die des Geistes immer gröber.

*

Um vorwärtszukommen, gilt es nach einem dritten Weg zu suchen, zwischen Jung und Alt, den beiden eingestürzten Portalen der Lebenszeit, zwischen zyklischer Innovation und stehender Wiederaufbereitung.

Doch ist man inzwischen gemacht aus allem, was man liebt, und kann nur aus diesem Stoff, der eigentlich des Neuen nicht bedarf, etwas von sich geben.

Ich kann mir nicht verbergen, daß die Kommunikationsströme des Computers oder Internet sich nie mit dem heißen Untergrund, dem unruhigen Magma des Gewesenen, vereinigen werden. Auch wenn ich noch so oft damit umgehe und spiele, das Zeug gewinnt keine Macht über mich. Ich käme ohne es aus. Mein Geliebtes versteht diese Spiele nicht.

*

Bilder! Gebt uns die Bilder zurück! Wie sie waren vor dem großen Spuk. Die Stühle von Ionesco, das ist ein Bild. Ein Bild muß unablösbar haften. Schreie und Flüstern, ein Bild, nicht abwählbar.

Ich träume vom Symbol wie andere von fernen Gestaden oder jungen Mädchen.

Aber die sogenannten Traumsymbole, entschlüsselbare Verschlüsselungen, bedeuten mir nichts und haben gar nichts vom Symbolischen, das mich nicht losläßt, nach dem ich mich verzehre. Dies unsichtbare Ding, zum Greifen nahe und unirdisch zugleich. In der Kunst von Aias bis Gulliver, von Dante bis Kafka. Danach nicht mehr. Plötzlich verschwunden.

Und ich bin d a r u n t e r vergessend geworden, unter diesem grauen Nachwehen, dem Entzug des Symbols, des unfaßlichen G e g e n- s t a n d s.

*

Uns ist nicht mehr die Sehnsucht die aufs äußerste gespannte Saite. Sondern zu haben, was man nicht ist, zerreißt uns fast. Sich vorzutasten wie ein Kind zwischen Bergen ungeräumt Erinnertem. Die Sehnsucht Hölderlins nach der Einen Welt - der himmlischen mit der irdischen ...

Ein großer Mann, im Himmel auch, begehrt zu einem, auf Erden ...

Das bißchen Zeit zwischen ihm, Hölderlin, und uns sollte es sein, das den radikalen Wesenswandel ausmacht, den wir seither erfuhren? Da nun keine Sehnsucht mehr ist, sondern ein launiges Genügen an one world und ihrer Wirtschaft, bewohnen wir, erdherum dicht abgeschlossen, das "stahlharte Gehäuse", das uns nach Max Weber vom Jenseits trennt. Dieses und nur dieses erzeugt dann die irrige Vorstellung von der Entropie menschlicher Wärme.

*

Tief im Bühnengrund erkannten wir das gleißend helle Kind, das zu uns sprach, uns selige und tröstliche Dinge versprach. Ein kleiner Schemel stand neben ihm. Doch der Knabe zögerte, einen Fuß darauf zu setzen. Obgleich er bei seinen zuversichtlichen Verkündigungen immer sann, was es mit dem Schemel auf sich haben könnte. Zugleich wußte er, daß er sich niemals darauf setzen dürfe. Denn das wäre dem Charakter seiner Verlautbarungen nicht angemessen gewesen. Und doch schielte er ab und zu nach dem kleinen Schemel wie der Schauspieler nach einem befremdlichen Requisit, das sich nie zuvor an gleicher Stelle befunden hat und das er nun auf irgendeine Weise mit seinem Auftritt, seiner Rolle ebenso unauffällig wie überzeugend in Verbindung bringen mußte.

Im Vordergrund, dem Knaben zugewandt, auf einem Stützsitz oder Architektenstuhl aus ihrer schmalen Taille wippend, saß ein junges Mädchen, das zuerst und zunächst ihn hörte und dabei sein offenes schwarzes Haar im Nacken mehrmals mit beiden Händen packte, um es frei über die Schultern zu schütten. Wir versuchten die Rede des Knaben dem Sinn gemäß zu verstehen und wurden doch abgelenkt von dem dauernd vor uns wippenden Mädchen, das wegen seines unreifen Alters nichts davon verstand, aber das uralte Kind sehr viel besser hörte als wir im fernen Publikum.

Glossar

Divination. Wahrsagekunst, Vorahnung

Empuse. Griech., weibliche Schreckgestalt, kann sich in verschiedene Tiere verwandeln, auch als schöne Frau erscheinen, die ihren Liebhaber verzehrt

Entelechie. Die in einer bestimmten Wirklichkeit angelegte Möglichkeit. Seele als erste Entelechie eines organischen Körpers

Epiphanie. Das Erscheinen Gottes unter den Menschen

Fulgurist. Fulgur, lat., der Blitz

Fumarole. Gasauströmung aus den Erdspalten vulkanischer Gebiete

Kenosis. Entleerung. Selbstentäußerung der göttlichen Natur Christi nach Phil.2, 5-11, Verzicht auf die göttlichen Eigenschaften, um "Knechtsgestalt" anzunehmen

Neoteilhardisten. Teilhard de Chardin (1881-1955), Anthropologe und Philosoph, versuchte, die materialistische Evolutionstheorie und die christliche Heilslehre in Einklang zu bringen

Noetisch. Noetik, Erkenntnislehre