Am 9. April 1940 hat Margarethe Freifrau von Nagel, geborene Reichsgräfin von Brühl, zum letzten Mal daheim in Schloss Pförten in der Niederlausitz vom Schwanenservice gegessen - dem prunkvollsten und kostbarsten Meißener Porzellan. "Es war die Hochzeit meiner Schwester Maria de Victoria", erinnert sie sich. Und nach dem Festmahl mussten sie und ihre fünf Geschwister abspülen

dem Personal wurde das zwischen 1737 und 1742 in mehr als 3000 Einzelteilen angefertigte Tafelgeschirr mit dem Familienwappen nicht anvertraut. Als die Rote Armee 1945 anrückte, flohen die Nachfahren des königlich polnischen und kursächsischen Premierministers Heinrich von Brühl mit Kutschen gen Westen, immerhin warm verpackt in wertvollen Gobelins.

Bis auf ein paar Silbertabletts ließ die Familie alles stehen und liegen, sie hatte keinen Zweifel an ihrer Rückkehr. Das Schwanenservice - damals noch mehr als 1000 Teile - schien im Keller sicher eingemauert. Doch das Versteck wurde gefunden, russische Soldaten sprengten es mit Handgranaten auf und schlugen die goldgefassten, mit indischem Blumendekor bemalten Tafelaufsätze, Teller, Terrinen, Saucieren, Leuchter und Figurinen entzwei: der wohl spektakulärste Scherbenhaufen der Epoche.

Die Trümmer lagen im Park, im Hof und, wie Augenzeugen behaupten, kilometerweit verstreut. Noch heute finden sich ab und zu Reste. Der neue Besitzer des Schlosses, ein junger Pole, hat im verwilderten Park des heutigen Brody einige Splitter ausgegraben und hütet sie wie einen Schatz - als könnten sie den vergangenen Glanz des Ortes wiederbeleben.

Nicht alles ging zu Bruch. Unversehrte Teile dienten beispielsweise in russischen Stellungen als Feldgeschirr. Es dauerte nicht lange, bis professionelle Händler den Bewohnern der Umgebung von Pförten Porzellanstücke abschwatzten oder schlichtere Ware zum Tausch anboten. Sie hatten leichtes Spiel, selbst die 1918 geborene Margarethe Freifrau von Nagel gibt zu: "Ein bisschen unpraktisch war das Geschirr schon wegen seiner Reliefstruktur."

So tauchten immer wieder Stücke aus dem Schwanenservice auf, landeten bei privaten Liebhabern, in Museen und erzielen inzwischen auf Auktionen beeindruckende Preise. Auf verschlungenen und abenteuerlichen Wegen gelangten die exquisiten Stücke in den Handel. In polnischem Diplomatengepäck wurden sie nach Argentinien geschleust, gelangten über unbekannte Kanäle in die Schweiz, die USA, nach Wien, London und Polen. Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe erwarb bereits vor dem Zweiten Weltkrieg eine Bechertasse sowie zwei Unterschalen aus dem Brühlschen Besitz. Wie der Händler an die Ware gekommen ist, steht dahin.

1956 kamen in London 16 Teile unter den Hammer, drei Jahre später noch einmal 7 und im Jahr 1961 sogar 20 Stücke. Im Oktober 1995 wurde bei Christie's in London eine Zuckerdose mit Deckel für 40 000 Pfund zugeschlagen, ein Löffel für 8500 Pfund, drei Teller je nach Größe zwischen 14 000 und 28 000 Pfund.