Ricarda Huch schrieb eine kurze Skizze über sie, die man im Nachlass der Dichterin fand. Da heißt es: Ich lernte sie in Heidelberg bei einer gemeinsamen Freundin kennen und sah der Begegnung etwas zweifelnd entgegen.

Die Leiterin eines Erziehungsheims für junge Mädchen, die überwiegend aus Offizierskreisen waren, einer Anstalt von ausdrücklich evangelischem Charakter, hatte für mich, wie ich sie mir vorzustellen versuchte, etwas Ostelbisch-Junkerliches und zugleich Bebrilltes, Betschwesterliches, das mir nicht unangenehm, aber doch fremd war.

Sie war in Mohrungen, Ostpreußen zur Welt gekommen, wo ihr Vater Landrat war.

Als sie fünfzehn war, zog die Familie auf das Gut Trieglaff in Pommern. Als dann die Mutter starb, übernahm die inzwischen Zwanzigjährige den Gutshaushalt und betreute ihre jüngsten Geschwister. Einige Zeit später heiratete der Vater wieder. Und sie wandte sich dann dem Erzieherberuf zu und machte in Berlin das Jugendleiterinnen-Examen. Nach praktischer Tätigkeit im Jugendlager Heuberg auf der Schwäbischen Alb und in der Schlossschule Salem gründete sie 1927 in Schloss Wieblingen bei Heidelberg ein evangelisches Landerziehungsheim.

Etwa zu der Zeit mag es zu der ersten Begegnung mit Ricarda Huch gekommen sein, über die die Dichterin später schrieb: Kaum war ich eine Viertelstunde mit ihr zusammen gewesen, als sie mir lieb und vertraut war. Man vergaß im Umgang mit ihr zunächst Herkunft, Stand, Beruf, und empfand sie menschlich und persönlich, obwohl sie den Charakter ihrer Heimat und ihrer Arbeit deutlich darstellte. Mit ihrer großen, kräftigen, stattlichen Erscheinung, in der unbefangenen Sicherheit ihres Auftretens glich sie einer Herrscherin, die etwa ein großes Gut verwaltet, eine zahlreiche Familie und viele Untergebene gerecht und liebevoll versorgte. Von Schulwissen, Pedanterie, Fadengeradheit merkte man nichts, Humor und Frohsinn machten sich bald geltend. Daß sie aufrichtig fromm war, wußten ihre Freunde. Gläubigkeit war für sie zu selbstverständlich, als daß sie sie hätte betonen wollen. Ich glaube nicht, daß man in ersprießlicher Weise mit ihr hätte theologisieren oder philosophieren können

sie hatte wohl nie eine Periode des Zweifels durchgemacht und sich das überlieferte Glaubensgut unter Kämpfen angeeignet.

Gläubigkeit war für sie so selbstverständlich wie die Liebe zum Vaterland und zum eigenen Volke, etwas, das einem nicht genommen werden kann, womit man lebt und stirbt.