Es geht um die Frage: Was gilt die Frau als aktive Beteiligte in der Politik und im Berufsleben? - Anlaß bot eine Plauderei, die Walter Henkels der "Zeit" über die Bonner Parlamentarierinnen zur Verfügung gestellt hatte (Nr. 45). "Ein lockerer rheinischer Vogel, der von der Zuschauerbank des Bundestages quinkelierte", wie eine Leserin aus München schrieb. Andere, die der "Zeit" zum gleichen Thema Briefe sandte, waren nicht so höflich. "War es rheinischer Humor, der den parlamentarischen Frauen zugedacht war, so war es jedenfalls nicht einer von jener Sorte, der nicht verletzt", schrieb ein - Mann. Ein anderer forderte, die "Zeit" möge bald einen wirklichen Bericht über die Parlamentarierinnen bringen. Henkel hatte zwar festgestellt, der törichte und gelegentlich mitleidige Spruch, daß "Frauen nichts von Politik verstehen", sei von der Parlamentarierinnen in Bonn schon bei manchen Anlässen widerlegt worden. Es lag aber im Stil seiner Plauderei, daß hier Probleme schwerelos angedeutet wurden, die - mit Recht - von den Frauen sehr ernst genommen werden, vor allem von jenen, die eine Beruf haben oder gar im öffentlichen Leben stehen. Ihr Einspruch und ihre Erwiderungen machen das ursprünglich leicht angeschlagene Thema bedeutsam. - Die meisten weiblichen Abgeordneten in Bonn, so hatte Henkels angedeutet, seien nicht gerade große Rednerinnen; ihr Naturell verriete Schlichtheit, Nüchternheit, Pflichtstrenge; sie seien nicht das "Salz" des Bundestages; sie seien sehr in der Minderheit. Darauf erwiderte das Mitglied des Deutschen Bundestages, Frau Margot Kalinke, in gelassener, entschiedener und - so meinen wir - wohl auch entscheidenderweise, wie folgt …

Ich kann aus Überzeugung sagen, daß sehr viele dieser weiblichen Abgeordneten in den Ausschüssen eine sehr ernsthafte und sehr positive Arbeit leisten und daß es Gott sei Dank nicht nur darauf ankommt, im Plenum des Bundestages eine große oder überzeugende Rede mit mehr oder weniger rhetorischer Begabung zu halten, sondern daß nach meiner Auffassung die entscheidende und wirkungsvolle Mitarbeit der Frau darin besteht, daß gerade in den Ausschüssen die Stimme der Frau zur Geltung kommt. Gesetze werden in den Ausschüssen gemacht, und es hab schon eine ganze Reihe von Fragen gegeben, in denen die wertvolle Mitarbeit der Frau auch von den männlichen Kollegen nicht entbehrt werden möchte. Ich vertrete im Gegensatz zu vielen meiner Kolleginnen die Meinung, daß es auch nicht nur die Angelegenheiten der Fürsorge und der Karitas sind, die uns Frauen beschäftigen, sondern daß bei der großen Zahl von sozialpolitischen Problemen, bei der soziologischen Umgestaltung unseres gesamten öffentlichen Lebens nach zwei Kriegen, es undenkbar ist, daß etwa der Rat und die Stimme der erfahrenen berufstätigen Frau hier nicht gehört werden sollte.

Und was nun die Masse angeht, so glaube ich, daß die Frauen, wenn es nach ihrer Zahl ginge, eine größere Massenwirkung darstellen würden, als je eine Partei oder Organisation dargestellt hat, wenn man diese Zahl organisatorisch zusammenfassen würde. Aber ist es nicht glücklich, daß gerade die Frauen trotz aller kämpferischen Tendenzen, die man ihnen unterstellt, niemals aus Machtbedürfnis, sondern immer nur aus Verantwortung, auch auf der politischen Bühne ringen? Und ist es nicht wertvoll, daß gerade diese Fragen im öffentlichen Leben beweisen können, daß es in der echten Wirksamkeit nicht darauf ankommt, wie hoch der Prozentsatz der Frauen im Bundestag ist, auch nicht wie hoch der Prozentsatz der aktiven Frauen in politischen Parteien und Organisationen ist, sondern nur, daß es sich um echte Persönlichkeiten handelt?… Denn hat nicht eine Frau immer so viel mütterliches Gefühl, daß sie niemals den schwachen Mann angreifen wird? Und ist es nicht gleichzeitig tausendmal beweisen, daß es die schwachen Frauen sind, die so manchem starken Mann nicht nur den Weg bereitet haben, sondern ihn auch mit ihrem Rat und mit ihrem vernünftigen Abwägen der Dinge, aus einer Erkenntnis des Verstandes, aber auch aus dem Einsatz aller Herzenskräfte, für seine öffentliche Arbeit gedient haben?

* Soweit die Bundestagsabgeordnete Margot Kalinke in ihrer Entgegnung. Sie hatte es offenbar nicht übelgenommen, daß Walter Henkels, der ihre dem Parlament bekannte Schlagfertigkeit gerühmt hatte, folgende Schilderung von ihr gegeben: "Die Abgeordnete steht dann oben - mit kühnem Haarschnitt und mächtiger Hornbrille - wie ein Kommunard, über dem der Stern ‚Frauenemanzipation' leuchtet." *

"Wo kamen wir hin", so schreib eine Frau, die einen Prokuristenposten ausfüllt, "wo kämen wir hin, hätten wir in Bonn nicht Parlamentarierinnen, die den Mund auftun, wenn es Zeit ist! Hätte man auf die Frauen mehr gehört - gleichviel, ob in der Politik oder im Arbeitsleben - so wäre, weiß Gott, manche männliche Dummheit verhindert worden! Und da wir gerade davon reden -: Es gibt also Männer in Bonn, denen es auffällt, daß die Politikerinnen zu wenig Make up tragen? Ja, denen es sogar auffällt, daß kaum eine unter den weiblichen Abgeordneten ist, die nicht schon (welch feinsinnig-poetischer Ausdruck!) einen Silberfaden ins Haar gewirkt hätten? Mir fiel auf, daß zugleich berichtet wurde, dem Bundestag gehörten 372 Männer, aber nur 30 Frauen an; det fiel mir uff…

Thea Fischer, Berlin

Wollten wir Frauen es umgekehrt tun, nämlich dem "vielen Mannsvolk" den Spiegel vorhalten, das Urteil würde nicht viel anders ausfallen. Leider hat der Verfasser nur allzu recht, wenn er sagt, daß der Einfluß der Frauen im Bundestag - und in der deutschen Politik überhaupt - ungewöhnlich gering ist. Braucht man zu sagen, woran es liegt? Schon der Optik wegen ist es bedauerlich, daß in der Regierung keine einzige Frau an sichtbarer Stelle sitzt.