Wir sind ein prima Land", schwärmte Oppositionsführer Merz zum Jahresende, "aber wir werden miserabel regiert." Wer will wider den ersten Teil des Verdikts nörgeln? Zwar lieben die Deutschen die routinemäßige Aufwallung, sei es wegen Beißhund, Benzinpreis oder BSE, aber es bleibt dabei: Dies ist eines der reichsten Länder der Erde, gesegnet mit einer standhaften liberalen Demokratie und einem beneidenswerten sozialen Frieden. Es ist das freieste und freundlichste Deutschland, das es je gab.

Wird es "miserabel regiert"? Fragen wir einen distanzierteren Zeugen, die Financial Times. Die gibt Kanzler Schröder eine 1 plus fürs Sparprogramm, das für 2006 einen ausgeglichenen Haushalt verheißt, dazu eine 1 für die Steuerreform, die "größte Entlastung seit dem Zweiten Weltkrieg". Noch eine 1 kriegt Rot-Grün für die Entstaubung des Staatsangehörigkeitsrechts sowie für den Einstieg in die Einwanderung, mithin den Ausstieg aus einer nationalen Lebenslüge. Jetzt zu den schlechteren Nachrichten. Für die Rentenreform gibt es bloß eine 3, für die Arbeitsmarktpolitik eine 4. Diesen Zensuren darf man getrost noch ein Minus anhängen.

Noch härter: An der Schwelle zum dritten Jahrtausend (kalendarisch korrekt beginnt es am 1. Januar) streckt diese Regierung alle viere von sich; in der Mitte der Furt darf sich Deutschland auf den längsten Wahlkampf aller Zeiten freuen. Wo ist Schröders Slogan "Deutschland muss moderner und internationaler werden" geblieben? Als Mahner muss man nicht die üblichen Verdächtigen wie Hundt (Arbeitgeber) und Henkel (Ex-BDI) bemühen. Lauschen wir dem Grünen-Chef Fritz Kuhn: "Man kann doch nicht den Reformstau und Mehltau aus 16 Jahren Kohl beklagen, dann nach zwei Jahren mit den Reformen aufhören." Jetzt eine "Modernisierungspause" einzulegen wäre "schädlich für Rot-Grün".

Bloß beginnt das neue Jahr für Deutschland just so. Die Teilprivatisierung der Rente ist verschoben, die Liberalisierung des Ladenschlusses blockiert worden. Auf dem Arbeitsmarkt stehen die Zeichen nicht auf "Status quo", sondern auf "Vorwärts in die Vergangenheit!". Beschneiden will die Regierung die befristeten Anstellungsverträge, die Unvermittelbaren und Neueinsteigern Jobs geöffnet haben. Gewähren will sie einen Anspruch auf Teilzeitarbeit, was die Betriebsabläufe nicht beschleunigen wird. Ausweiten soll das neue Betriebsverfassungsgesetz die Mitbestimmung - gut für die Betriebsräte, schlecht fürs Management, das im Konkurrenzkampf noch ein Stück Langsamkeit entdecken wird.

Warum der "Modernisierungskanzler" das tut? Die platte Antwort lautet: "Wahlkampf", und zwar im nervösen Zweijahresvorgriff. Auf das Elend der Opposition will er sich nicht verlassen, also will er seinen linken, genauer: konservativen Flügel gegen eine Union wappnen, welche die Neue Mitte mal rechtspopulistisch (Einwanderung, Leitkultur), mal linkspopulistisch (Schutz des "kleinen Mannes") in die Zange zu nehmen sucht. Ist aber gut für Deutschland 2001, was scheinbar gut ist für die SPD?

Ist es gut für das Land, wenn der "Motor der Modernisierung" (Schröder über die SPD) neuerdings so hustet, als gelte es, 16 Jahre Kohl in die beiden nächsten Jahre Schröder zu pressen? Das hat dieses Land nicht verdient, auch wenn es im 20. Jahrhundert so viele Konvulsionen durchlitten hat, dass es nunmehr Ruhe als erstes Bürgerrecht schätzt. Dass die Arbeitslosigkeit zurückgeht, ist kein Trost und kein Verdienst dieser Regierung. Nach einem Jahrzehnt der Stagnation musste dieKonjunktur irgendwann anspringen; nur ist auf exportgetriebenes Wachstum am Ende von Euro-Verfall und US-Boom kein Verlass mehr.

Gut für das Land ist vielmehr, wenn es heute die Zukunft anpackt, die es morgen zu verlieren droht. Dabei dürfte der Kanzler nicht den "Lafontaine mimen", wie der stern, kein rechtslastiges Blatt, halb spöttisch, halb elegisch notiert. Statt seinem müden Reformpferd wieder Hafer zu geben, gibt er den Klassenkämpfer. Nicht zulassen werde er, dass die Arbeiter "unter dem Stichwort Flexibilität zu einer fungiblen (deutsch: verschiebbaren) Menge werden". Er werde sie nicht dem "Prinzip aussetzen: Heute geheuert, morgen gefeuert".