Wetten, dass ...? Wetten, dass spätestens am Neujahrsmorgen eine unsägliche Debatte von neuem anheben wird? Zwar ist der "Brotpreis der Moderne", wie der Benzinpreis gerne genannt wird, ordentlich gesunken; Benzin und Diesel sind wieder fast so billig wie zu Beginn des Jahres 2000, bevor die Wut über die Spritkosten im Land grassierte. Doch was der erstarkende Euro, der in Europa milde Frühwinter und die sinkenden Rohölnotierungen den Verbrauchern jüngst an Segnungen bescherten, wird Finanzminister Hans Eichel in wenigen Tagen wieder einkassieren: Auf seine Rechnung werden die Tankwarte den Autofahrern dann rund sieben Pfennig mehr pro Liter abnehmen - die Ökosteuer, Stufe drei, wird gezündet.

Höhere Preise zahlen Verbraucher höchst ungern. Und weil der ADAC sowie Bild & Co. die Autofahrer ohnehin vom Fiskus allzu arg geschröpft sehen, wäre die parlamentarische Opposition mit Dummheit geschlagen, würde sie die Gunst der Stunde nicht nutzen, um Rot-Grün erneut in die Enge zu treiben.

Wenn der von der Union mitverschuldete Rinderwahn nicht sämtliche anderen Umwelt- und Verbraucherthemen verdrängt, könnte die Truppe um die CDU-Chefin Angela Merkel die rot-grüne Regierung tatsächlich an einem wunden Punkt treffen. Denn was unter der Regentschaft Gerhard Schröders bisher energiepolitisch auf den Weg gebracht wurde, ist Stückwerk geblieben; zu einem ansehnlichen Mosaik fügt es sich keineswegs. Was vor allem fehlt, ist ein langfristiger Plan für die Energiepolitik.

Wirtschaftpolitik hat es mit Knappheiten zu tun. Das gilt auch für diesen Bereich. Deshalb muss der geplante Umgang mit Knappheiten im Zentrum des längst überfälligen Energieprogramms stehen. Knapp sind aber nicht in erster Linie die Ressourcen, Kohle oder Öl beispielsweise; begrenzt ist vor allem die Aufnahmefähigkeit der Umwelt für die bei der Energienutzung entstehenden Überbleibsel, namentlich für klimaschädliches Kohlendioxid (CO2). Die Energiepolitik braucht deshalb eine ökologisch überzeugende Ausrichtung. Ohne eine solche Vorsorgestrategie drohen Überraschungen, wenn nicht gar Katastrophen.

Der laut Geschäftsordnung zuständige Wirtschaftsminister Werner Müller inszenierte zwar schon vor längerem einen "Energiedialog". Erwartungsgemäß verlief die einjährige Gesprächsrunde aber, gelinde gesagt, zäh; Ersatz für Politik hätte sie ohnehin niemals werden können. Doch während Müller einer "Effizienzrevolution" das Wort redet, bleibt er bisher das Programm dafür schuldig - genauso wie der Kanzler selbst die Berufung des Nachhaltigkeitsrates, angeblich ein ebenfalls zentrales Instrument für die von Rot-Grün versprochene ökologische Modernisierung.

Die Ökosteuer, wenn auch dem Grunde nach berechtigt, ist ein Torso von Ungereimtheiten; sämtliche wohlmeinenden Korrekturvorschläge sind bisher am Regierungsapparat abgeperlt. Das Sofortgesetz zum Schutz der kommunalen Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), nach langem Zaudern auf Druck der sozialdemokratischen Kommunallobby durch die Gesetzgebungsinstanzen gepeitscht, hat das Ansehen dieser umweltschonenden Technologie eher diskreditiert als gefördert. Die Energie-Einsparverordnung lässt auf sich warten. Und den Grundstein für den so genannten Atomausstieg hat in Wirklichkeit die Vorgängerregierung unter Helmut Kohl gelegt. Mit der Deregulierung des Strommarktes hat sie dem Bau neuer Nuklearmeiler den ökonomischen Boden entzogen.

Der Wettbewerb, jahrzehntelang ungewohnt, löste in der Strombranche einen Rationalisierungsschub aus und bescherte den Verbrauchern sinkende Preise. Wettbewerb ist aber ein kostbares Gut, das permanent gesichert werden muss - und zwar an zwei Fronten: erstens gegen die um ihre Vormachtstellung kämpfenden alten Monopolisten. Und zweitens gegen ökologisch destruktive Tendenzen. Auf beide Herausforderungen fehlt bis heute die Antwort.