Auch wenn Schröder es kaum noch für erwähnenswert hält, Europa wird neu buchstabiert. Und nicht nur, weil im nächsten Jahr Streit über eine gemeinsame Sicherheitspolitik unter dem harmlosen Etikett einer raschen Einsatztruppe mit gerade 60 000 Soldaten transatlantischer Streit anheben dürfte oder weil am Silvesterabend 2001 eine gemeinsame Währung eingeführt wird.

Europa, das nach Nizza so kleingeredet worden ist: Immerhin geht es da, wie Anne McElvoy in der Süddeutschen Zeitung mit britisch sympathisierender Zögerlichkeit schrieb, um eine "Neuverhandlung darüber, was es heißen soll, im neuen Jahrhundert Europäer zu sein". Und wenn nicht alles täuscht, hat das die Berliner Generation von Gerhard Schröder und Joschka Fischer begriffen.

Das war alles andere als klar, wenn man Dispute im Ohr hat wie jenen legendären zwischen Jürgen Habermas und Gerhard Schröder unmittelbar vor dem Machtwechsel über die "postnationale Konstellation" und die Osterweiterung. Der Dezember-Gipfel von Nizza war eine Zäsur in Richtung europäischer Einheit. Darin steckt, wenn man das große Wort überhaupt benutzen will, das wahre "Projekt" für die Jahre, die kommen. Es mag ein Prozess werden, dem die Visionen fehlen und auch die Visionäre. Aber es hat schon Schlimmeres gegeben, notierte Flora Lewis kürzlich, als ein Europa, das sich mühselig auf der Einbahnstraße weiterbewegt. Wie wahr.

Immerhin gibt es jetzt die Basis für Neuverhandlungen über die "Finalität" der Union. Ohne eine gewisse föderative Struktur, ohne eine Art Staatlichkeit und ohne enge Kooperation der Europäer, die Europa wollen, wird die Einheit nicht zu verwirklichen sein. Das ist nur vorsichtig, ohne Flausen und ohne Hochmut, denkbar und möglich. Hoffentlich wissen das die "Europäer" im Kanzleramt und im Auswärtigen Amt. Es liegt jedenfalls in der Logik, dass das politische Jahr 2001 schon im Januar mit einem "Sondergipfel" zwischen Frankreichs Präsident Jacques Chirac und Gerhard Schröder beginnt. Mag sein, dass Frankreich zehn Jahre brauchte, um auf Gesamteuropa zu blicken, und dabei ein zweites Mal vor Deutschland erschrickt. Aber auch wenn Schröder sagt, seine Generation sei einfach europäisch aufgewachsen - der Lernprozess, um sich die neuen Realitäten bewusst zu machen, brauchte auch bei ihm seine Zeit.

Jetzt allerdings gehen offensichtlich die Vorstellungen über das künftige Europa weit auseinander. Bloß unter Verweis auf die neue Normalität - nun auch zwischen Deutschland und Frankreich - wird sich das geeinte Europa nicht bauen lassen, und schon gar nicht bis 2004. Gerade wenn es stimmt, dass Deutschland dabei objektiv "führt".

Europa im Jahr 2001: Den Kindern der "alten" Bundesrepublik, die mit der deutschen Einheit haderten, ist die Chance zur europäischen Einheit in den Schoß gefallen. Und daraus können und müssen sie, nach Nizza und nach Kohl, schon in zwei Jahren etwas machen. Über das Lavieren Berlins zwischen Tiefstapelei und Hochmut mag man lange lamentieren. Es bleibt, dass sich als das wirklich elektrisierende Moment dieser Hauptstadt das andere Europa erweist.

Die politische Tagesordnung wird zunehmend europäisch