BSE-Rinder in Bayern, Risikowurst in den Regalen - das "Wurst Case Scenario" (New Scientist) ist jetzt komplett. Mit Posteingangsverzögerung löst nun auch Gesundheitsministerin Andrea Fischer Wurstalarm aus und will im Schulterschluss mit Edelgard Bulmahn, ihrer Kollegin aus dem Wissenschaftsressort, mit millionenschweren Forschungskampagnen gegen den Keim vorrücken. Der evangelische Landesbischof in Bayern ruft zur Überprüfung des "eigenen Ernährungsverhaltens" auf, denn schließlich gebiete der "biblische Auftrag, für die ganze Schöpfung Verantwortung zu tragen und Ehrfurcht vor dem Leben zu üben".

Das möchten Landwirte und Konsumenten wohl tun, nur senden Politik und Wissenschaft höchst widersprüchliche Botschaften aus. Mal ist das Tiermehl schuld, dann heißt es, mit Tiermehl konnte im Experiment noch kein Rind mit BSE angesteckt werden. Mal ist die Wurst sicher, dann ist die Wurst gefährlich - zumindest die billige (aber was ist billig?).

Gesichert scheint, dass das Verbot des Tiermehls in Großbritannien nach einem Gipfel von 45 000 BSE-erkrankten Rindern im Jahr 1992 bis heute zu einem Rückgang der Rinderseuche auf 2000 Fälle jährlich geführt hat. Gleich, was die Forschung in Zukunft noch über den Erreger, seineAusbreitung und sein zerstörerisches Potenzial lernt, das Verbot des Tiermehls bleibt auch in Deutschland gerechtfertigt. Und vom Separatoren-Fleisch aus Rinderwirbelsäulen im Würstchen haben die Briten aus gutem Grund schon seit 1995 die Finger gelassen, schließlich reicht die Verfütterung von einem Gramm infektiösem Nervengewebe, um beim Kalb BSE auszulösen. Deutsche Politiker sind auf diesem Ohr allerdings schwerhörig. Bereits Ende 1999 hatte das Leipziger Institut für Lebensmittelhygiene deutsche Wurstwaren geprüft und Hirngewebe in Produkten gefunden, in die es bereits nach damaligen Qualitätsnormen nicht hineingehört hätte.

Der Bürger möchte endlich wieder vertrauensvoll ins Fleisch beißen dürfen, und dafür sollen, von wem auch immer, glasklare Aussagen her. Wie kam die Seuche über Deutschland? Wer ist schuld? Und vor allem: Wie wird man sie wieder los? "Am Geld für Forschung soll es nicht scheitern", lässt die Gesundheitsministerin großzügig wissen. Daran nicht, aber vielleicht am geheimnisvollen Erreger.

Vorerst ist im Oktober mit dem britischen Phillips-Report das Opus magnum der wissenschaftlichen Ratlosigkeit erschienen. Wenig ist gewiss: BSE entstand in den siebziger Jahren vermutlich durch eine spontane Genmutation bei einem Rind. Es existiert eine Verbindung zwischen BSE und der menschlichen neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK). Die Erreger gelangte hingegen nicht vom Schaf zum Rind, er enstand nicht durch unzureichende Erhitzung von Tiermehl und auch nicht durch den Einsatz von Pestiziden - obgleich diese die Entstehung begünstigt haben könnten. So weit die Expertise. Und was, fragt sich der Laie, ist mit dem Erreger? Ohne genauen Steckbrief des Auslösers blieben doch alle Bemühungen lediglich Entscheidungen nach größter anzunehmender Wahrscheinlichkeit? So ist es.

Im Fazit des Phillips-Reports heißt es wolkig: "Alle Hinweise deuten auf eine spezifische Assoziation einer abnormalen Form des Prion-Proteins mit BSE." Im Klartext: Ein infektiöses Eiweiß, das sogenannte Prion (PrPsc), ist zumindest für die Verbreitung der Epidemie verantwortlich. Zwar wurde es bisher nicht im Tiermehl nachgewiesen, aber das ist auch nicht verwunderlich, weil gesunde und kranke Rinder zusammen zu Tiermehl geschreddert wurden und der Erreger damit bis unter die Nachweisgrenze verdünnt wurde. Nicht umsonst testet man am Rind die am meisten befallenen Regionen.

PrPsc findet seinen Weg vom Verdauungstrakt ins Gehirn und verbiegt dort gesunde Eiweiße ähnlicher Bauart zu einem unverdaulichen Klumpen. Die Hirnzellen sterben ab und hinterlassen ein typisches Lochmuster, genannt spongiforme Enzephalopathie (SE). Einst war diese neuartige Infektionsidee eines infektiösen Eiweißes verfemt, der Entdecker Stanley Prusiner wurde als Spinner verlacht. 1997 erhielt Prusiner den Nobelpreis, und in BSE-Kreisen gibt es so gut wie niemanden mehr, der etwas anderes als Prion beforscht.