Auf der Jagd nach dem perfekten Duft wurde er zum Serienmörder. Dem Diktat der Nase gehorchend, schonte Jean-Baptiste Grenouille weder fremdes noch sein eigenes Leben. Am Ende des Romans Das Parfum von Patrick Süskind steht die Hinrichtung des Helden. Doch da hat der längst sein Ziel erreicht und sich der Menschheit durch seine Essenzen unwiderstehlich gemacht.

Heute muss niemand mehr morden, um an Wohlgerüche zu gelangen. Zu Hunderten stehen die Flakons in den Ladenregalen, und jedes Jahr kommen etwa 200 neue Duftnoten hinzu. Schwer zu glauben, dass die boomende Branche trotzdem ein sterbendes Handwerk ist. Eine Zunft, die kaum Nachwuchs nachzieht. Von den großen Nobelmarken halten sich nur noch Chanel, Guerlain und Patou eigene Kompositeure - "Nasen", wie sie in der Branche genannt werden. Weltweit gibt es nicht einmal ein Dutzend Ausbildungsstätten. Parfümerien im eigentlichen Sinne, also Manufakturen, die Düfte nicht nur handeln, sondern auch herstellen, sind rar geworden. Und Parfümeure, die ihren Kundinnen das Produkt auf den Leib schneidern, sind erst recht eine Seltenheit.

Lutz Lehmann ist einer von ihnen. Ein Dufthandwerker. Umgeben von eimergroßen Glaskaraffen mit schweren Stöpseln und metallenen Zapfhähnen, steht er hinter seinem Ladentisch. Liebevoll füllt er seinen Kunden Essenzen ab. Rund 50 Sorten hat er ständig auf Lager. Momentan ist Vallmosa der Renner: ein blumiger Duft mit Akzenten von Grapefruit. Daneben gibt es auch Klassiker wie Habanera, ein Parfüm, das riecht wie ein britischer Herrenclub: Zigarrenrauch, schwere Ledersessel und nur ganz ausnahmsweise mal Damenbesuch. Oder Rose Jacques: ein altmodischer Blütengeruch, wie die Reste in den Flakons, die Großmutter ganz hinten im Nähkästchen versteckt hielt.

Um alles durchzuprobieren, müssen die Kunden Geduld mitbringen. Noch mehr Zeit und auch Geld brauchen sie für eine Maßanfertigung. Zwischen 3000 Mark und 5000 Mark kostet ein individueller Duft. Mehrere Tage dauert es, bis eine Komposition gefunden und die Mixtur gereift ist. Dafür lässt sie sich dann jedoch ein Leben lang nachbestellen. Und bei Bedarf wird sie rund um die Welt verschickt.

Stolz berichtet Lehmann von seiner Kundenkartei mit mehreren tausend Adressen. Allerdings werden, das gibt er zu, neben den Spezialanfertigungen häufig auch Standarddüfte versandt.

Es gibt für den Nachwuchs nur wenig Ausbildungsplätze

Ob die Nase nicht abstumpft bei so viel Wohlgeruch? "Oh, nein, ganz im Gegenteil", protestiert Lehmann. Der Geruchssinn sei nur durch Riechen zu schulen. Umgekehrt erschließt sich dem Profi jedoch vieles, was Menschen mit gewöhnlichen Nasen verborgen bleibt. Andere mögen beim Wandern gute Luft wahrnehmen - für Lehmann ist ein Spaziergang durch den Grunewald eine raffinierte Komposition aus Laub-, Moos- und Pilznoten. "Sie gehen ganz anders durch die Welt."