Marianne Hoppe, 91, ist die große Dame des deutschen Theaters und war fast 60 Jahre auch beim Film gefragt. Während der NS-Zeit war sie mit Gustaf Gründgens verheiratet und stieg mit Filmen wie "Romanze in Moll" zu einer der bestbezahlten Schaupielerinnen auf. Auf ihre Rolle in Nazideutschland angesprochen, sagte sie einmal: "Man hätte weggehen sollen." Zuletzt stand Marianne Hoppe am Berliner Ensemble auf der Bühne. Im Kinofilm "Die Königin" wird die Schauspielerin aktuell gefeiert

Meinen ersten Auftritt hatte ich mit etwa fünf Jahren. Onkel Heinrich war zu Besuch und saß mit meinem Vater im Zimmer, weil die beiden etwas zu besprechen hatten. Meine Mutter meinte, ich solle guten Tag sagen, und öffnete mir die Tür. Da stand ich eine ganze Weile, doch die Männer unterhielten sich weiter und bemerkten mich nicht. In einer Pause trat ich in die Mitte des Raumes hinein und sagte: "Marianne Hoppe heißt dies Kind!"

Bereits ein, zwei Jahre später schrieb ich auf einen Zettel: "Vergiß nicht, dass du Schauspielerin werden willst." Verrückt. Ich weiß wirklich nicht mehr, wie ich auf diese Idee gekommen bin. Sicher, mein Vater liebte Literatur und war ein großer Shakespeare-Verehrer. Doch sind wir fast nie ins Theater gegangen, da wir auf dem Land wohnten und der Weg sehr weit war. Die erste Aufführung sah ich, als ich elf war. Mein Vater nahm mich mit nach Berlin in den Kaufmann von Venedig, den Max Reinhardt im Großen Schauspielhaus inszenierte; es war ein großes Erlebnis.

Ansonsten bin ich auf freier Wildbahn groß geworden, auf unserem Gut Felsenhagen in der Ostprignitz. Es war traumhaft, ich verlebte eine Bilderbuchkindheit. Die Nachmittage verbrachte ich mit Vera und Alex - meinen Lieblingspferden. Sie waren für mich wie Spielkameraden. Schon gegen Mittag habe ich immer gedacht: "Gleich ist der Unterricht zu Ende, dann kann ich ausreiten." Bis ich elf oder zwölf war, wurde ich zusammen mit meinen Geschwistern zu Hause unterrichtet; nur einmal im Jahr mussten wir zu einer Prüfung zum Gymnasium in Perleberg. Die Schule war einfach zu weit entfernt, außerdem war der private Unterricht besser auf uns zugeschnitten. In allen Fächern unterrichtete mich dieselbe Lehrerin. Einmal hatten wir eine Meinungsverschiedenheit - und ich gab der Lehrerin eine Ohrfeige. Dazu musste ich mich auf die Zehenspitzen stellen, da ich kleiner war. Als sie meinem Vater ganz entsetzt davon berichtete, fragte der: "Haben Sie ihr gleich eine zurückgegeben?" Sie verneinte, und er meinte: "Dann kann ich auch nichts mehr tun. Dafür ist es jetzt zu spät."

Als Jugendliche besuchte ich zuerst für zwei Jahre das Königin-Luise-Stift, ein Internat in Berlin-Dahlem; abends mussten wir zur Oberin und einen Knicks machen. Ich betrachtete alles mit großem Interesse. Dann schickten mich meine Eltern nach Weimar, wo ich zunächst in einer "Pension", einem Internat in Kleinform, unterrichtet wurde. Von der Pension aus gingen wir manchmal ins Theater. Besonders beeindruckte mich Die Braut von Messina, vor allem Erika Christen, die in der Aufführung die Mutter spielte. Ihre Stimme war schön und tief, etwa in meiner Lage. Ich habe mir ein Herz gefasst, ihr eine Karte geschrieben und gefragt, ob ich einmal zu ihr kommen dürfe. Sie empfing mich, und ich sprach ihr ihre eigene Rolle vor. Das war schon grotesk - ich junges Mädchen als Mutter. Sie hat es positiv aufgenommen, hat mein ernsthaftes Bemühen erkannt, und von da an war ich ihre Schülerin.

Auf der höheren Handelsschule in Weimar legte ich schließlich mein Examen ab und sollte mich danach bei Gildemeister & Co. vorstellen, einer großen Bank in Berlin. Die habe ich aber nie von innen gesehen. Stattdessen fuhr ich ans Deutsche Theater, um mich an der Schauspielschule zu bewerben. Die Termine fürs Vorsprechen waren schon vorbei, doch die Vorzimmerdame sorgte dafür, dass Berthold Held, der Direktor der Schule, mich noch anhörte. Er stufte mich gleich in die zweite Klasse ein.

Schon bald erhielt ich einen Zweijahresvertrag am Deutschen Theater. Da meine Schauspielausbildung so kurz gewesen war, nahm ich Privatstunden bei Lucie Höflich und Ilka Grüning. Wie alle jungen Schauspieler besaß auch ich das Buch Der kleine Hai, in dem Sprechübungen drinstanden. Das D etwa übte man mit dem Satz: Da du dir doch den Dank durchdacht, den Dido durch den Dolch dort duldet. Ich habe da aber kaum reingeschaut.