Sie torkelt. Sie bricht zusammen. Sie rappelt sich auf. Sie kippt um und rührt sich nicht mehr. Aus die Maus. Der angehende Pharmazeut hat es zu gut mit der Strychnindosierung gemeint. Macht aber nichts. Zwei Mausklicks - und der Kadaver steht wieder putzmunter auf allen Vieren und schnuppert Laborluft. Die interaktive Videoszene kann neu starten.

Noch vor 30 Jahren hat sich kaum ein Biologie- oder Medizinstudent etwas dabei gedacht, wenn fürs Morphologiepraktikum massenweise Schnecken, Regenwürmer, Mäuse, Ratten und Fische ihr Leben lassen mussten. Dass die Unmengen an Fröschen, die für die notorischen Nerv-Muskel-Versuchsreihen in der Physiologie verbraucht wurden, möglicherweise als "Mitgeschöpfe" zu betrachten waren, war kaum je Gegenstand der Versuchsvorbereitungen. Im Gegenteil: Die hartherzige Betäubungsmethode (Kopf auf Tischkante) und der finale Stich ins Rückenmark mit anschließender Häutung schienen unverzichtbar zur Herausbildung der Forscherpersönlichkeit dazuzugehören.

Erst in den siebziger Jahren veränderte sich die gesellschaftliche Akzeptanz von Tierverbrauch in Forschung und Lehre deutlich. Immer häufiger verlangten Studenten Praktikumsscheine auch ohne vorheriges Tieropfer - aus "Gewissensgründen". Zusammen mit verständnisvollen Hochschullehrern entdeckten sie Alternativen zu Tierversuchen. Modelle, Plastinationen, Filme, die Benutzung von Schlachthofmaterial oder Kadavern aus Tierarztpraxen gehörten dazu, ebenso die Versuche am eigenen statt am Froschleib. Als tierschonende Alternative, die manchmal sogar lehrreicher als das klassische Tierexperiment wirkte, war auch bald - zumindest unter Tierfreunden - die Computersimulation anerkannt.

Allein 700 Eintragungen findet man mittlerweile zum Stichwort "alternative Software", befragt man Norina. Das Norwegian Inventory of Alternatives ist die bislang umfangreichste Sammlung alternativer Ausbildungsmedien. Die an der Abteilung für Versuchstierkunde der Tierärztlichen Hochschule Oslo und an der Universität Sydney entwickelte Datenbank beschreibt insgesamt über 3700 Computerprogramme, Videofilme und CD-ROMs (www.oslovet.veths.no/NORINA).

Einen ebenfalls umfassenden Reader zum Thema Alternativen zum Tierversuch hat EuroNICHE herausgebracht (European Network of Individuals and Campaigns for Human Education), eine europäische Vereinigung studentischer Tierversuchsgegner. From Guinea Pig to Computer Mouse listet Hunderte von Alternativmethoden auf und wird Anfang 2001 neu aufgelegt (www.tierschutz.de/SATIS).

Noch immer gültiger Maßstab für empfehlenswerte Simulationssoftware ist die nicht nur an deutschen Hochschulen, sondern zunehmend auch im Ausland geschätzte "Sim-Serie". Hans Albert Braun vom Physiologischen Institut der Universität Marburg hat die Software "nach vielen Diskussionen mit den Studenten" mitentwickelt. SimNerve etwa erlaubt zum Auflockern des Users, sich das spezifische Quaken von Grasfrosch, Gelbbauchunke oder Wechselkröte anzuhören.

Beginnend mit ein paar einleitenden Worten zur Froschguillotine folgt dann eine kleine Übersicht über die Präparation des Nervus ischiaticus. Die beiden großen Beinnerven findet der Student später in einem virtuellen Labor wieder. Hier kann man Elektroden an den Nerv legen, einen Simulator einschalten, Parameter vorgeben und Versuchsserien starten. Die Reaktion des Nervs auf verschiedene Reizstärken und -dauer, auf Einzel- oder Doppelimpulse ist am Messgerät ablesbar. Ein Vorteil liegt auf der Hand: Ist der Froschischias - etwa durch Abbinden mit ebenfalls bereitliegendem Faden - verletzt, kostet es nicht den nächsten Quaker Kopf und Kragen (Georg Thieme Verlag, Stuttgart, 1280 Mark).