Die Polarstern ist gerade vom Acker gekommen. Bis Anfang Dezember zog das Forschungsschiff vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI) im Polarstrom Kreise, an Bord Meeresforscher aus Deutschland, Holland, Großbritannien und zwölf weiteren Staaten. Das Team hat vor der Antarktisküste Dünger ausgebracht. Rund 10 Tonnen Eisensulfat gelöst in 50 Kubikmeter Wasser, ein mittleres Schwimmbecken voll, hat die Polarstern versprüht - fein verteilt über die Fläche einer Kleinstadt. Für den Ozean war das nur ein kleiner Schluck, aber einer mit drastischer Wirkung. Schon nach wenigen Tagen begannen auf dem Meeresacker die Algen zu sprießen. Nach drei Wochen hatte sich die Algenblüte auf der Fläche einer Millionenmetropole ausgebreitet. Mission Eisenex war ein Erfolg.

Die Idee für das Dünge-Experiment lieferte die Erdgeschichte: In der letzten Eiszeit, begleitet von Dürre auf den Kontinenten, wehte der Wind Eisenstaub vom Festland auf das Polarmeer - die Algen gediehen prächtig. Sedimentproben vom Meeresboden belegen: Der heute blau schimmernde Zirkumpolarstrom schwappte als grüne Brühe um die Antarktis. Denn an Nährstoffen fehlte es in den südlichen Ozeanen nicht. Und Kohlendioxid holte sich das Grünzeug aus der Luft - mehrere Milliarden Tonnen.

Heute dümpeln nur noch wenig Algen durch die südlichen Ozeane. Ob aber die Meerespflanzen wuchern oder kränkeln, beeinflusst das Klima mindestens ebenso wie grünender oder abgebrannter Regenwald. Rund die Hälfte aller Pflanzen schwimmt durch die Weltmeere - auch ohne Dünger. "Wenn wir das Algenwachstum verstehen, können wir zuverlässigere Klima-Modelle erstellen", sagt Ulrich Bathmann, stellvertretender Leiter der Eisenex-Mission. "Und der Eisengehalt spielt dabei eine wichtige Rolle." Denn Nährstoffe gibt es auch heute reichlich. Einzig am Eisen hapert es in etwa einem Fünftel der Weltmeere.

Schon blühen Spekulationen, man müsse nur genügend Eisen ausstreuen, dann fräßen sprießende Algen den Klimakiller Kohlendioxid auf. Der amerikanische Ingenieur Michael Markels hat sich bereits die Rechte an den Hoheitsgewässern der pazifischen Marshall-Inseln gesichert, um dort Algenplantagen anzulegen. Er will US-Unternehmen anbieten, dort ihre Kohlendioxidbilanz zu schönen. Ulrich Bathmann sieht den Plan mit Besorgnis. "Wir haben schon die Nordsee überdüngt. Das hat dem Meer Sauerstoff entzogen und das ganze Ökosystem durcheinander gebracht. So etwas sollten wir nicht noch einmal riskieren."

Das Algenwachstum soll die Kohlendioxidbilanz schönen

Doch die Bedenken gegen die Eisendüngung im großen Stil sind nicht nur grundsätzlicher Art. Denn die Experimente gelangen nur, weil die Wissenschaftler ihre Parzellen sorgfältig aussuchten. Vor allem mussten sie auf die Strömung achten. Darum beackerten die Ozeanografen das relativ ruhige Zentrum eines Ozeanwirbels, einen Flecken namens Volker's Eddy. Mehrfach mussten sie fürchten, dass Stürme ihren Dünger in die Arme des Wirbels trieben. Das wäre das Aus gewesen. Nicht nur weil sie ihren gedüngten Flecken - im Zentrum mit einer Boje markiert - dann nach drei Wochen 500 km weiter östlich hätten suchen müssen. Vor allem hätte sich ungedüngtes Wasser über das eisenhaltige geschoben. Ab 50 Meter Tiefe nutzt aber der beste Dünger nichts mehr, weil dorthin zu wenig Licht dringt. Und ohne Licht geht Pflanzen die Energie aus.

Derartigen Schwund mit eingerechnet, müsste man jährlich mit 100 Millionen Tonnen Eisensalz nachhelfen, um den Algen überall optimale Bedingungen zu bereiten. Dann könnten die Algen rund 20 Milliarden Tonnen Kohlendioxid im Meer verstecken - so viel wie der Mensch in drei Jahren durch die Nutzung fossiler Brennstoffe in die Luft bläst. Das hat Ernst Maier-Reimer vom Max-Planck-Institut für Meteorologie Anfang der neunziger Jahre berechnet. "Aber wie will man das anstellen? Dafür gibt es nicht einmal genug Tankschiffe", sagt er.