Zwei Jahre lang wurde in Nürnberg die Ausstellung vorbereitet. In sechs Monaten, zum 80. Geburtstag des Künstlers, sollte die Eröffnung sein. Der Katalog stand vor der Drucklegung, die Geheimhaltung schien perfekt. Aber jetzt, in allerletzter Minute sozusagen, ist der schmutzige Plan doch aufgeflogen. Der Verwaltungsrat des Germanischen Nationalmuseums hat das Projekt fürs erste gestoppt. Denn dieser Künstler, ein gewisser Willi Sitte, war ein berühmter, man wagt es kaum auszusprechen: Maler der DDR! Er bekannte sich zum Kommunismus, auch nach der Wende noch. Er gehörte sogar, wie dem Verwaltungsrat erst jetzt bekannt wurde, dem ZK der SED an, er war Vorsitzender des Verbandes Bildender Künstler, hat manch dissidentischen Künstler unterdrückt und behindert. Willi Sitte war jener Willi Sitte, den man 1994 mit knapper Not am Einzug in die Berliner Nationalgalerie gehindert hatte. Und nun hätte er fast den Sprung nach Nürnberg geschafft! Da sieht man mal, was kommunistische Sabotage noch immer leistet.

Ach! Es ist schwer zu sagen, worüber man sich mehr ärgern und mokieren soll, über die späte Entdeckung der Identität Willi Sittes durch den Nürnberger Verwaltungsrat oder über die infantile Rachsucht, mit der noch immer die sozialistische Kunst der DDR nach den Mustern des Kalten Krieges behandelt wird. Gewiss, es ist Staatskunst; was sollte sie auch sonst sein? Aber ist es deswegen unzulässig, sie nicht nur einer politischen, sondern auch einer ästhetischen und kunsthistorischen Betrachtung zugänglich zu machen? Ist Staatskunst immer schlechte Kunst? Die Marktkunst des Westens immer gute Kunst? Was haben unsere politischen Präferenzen einerseits, der moralische Charakter des Künstlers andererseits überhaupt mit dem Rang seiner Kunst zu tun? Zensur ist keine Antwort. Fragen muss man stellen.