ZEIT: Sie werben seit mehreren Wochen großflächig in deutschen Zeitungen. Gegenstand der Anzeige sind immer Leute, die auf den ersten Blick nicht besonders ungewöhnlich wirken - unter anderem eine Busfahrerin, eine Sekretärin und ein Maschinenbauer. Was ist das Besondere an diesen Leuten?

Tietmeyer: Sie sind normale Menschen, die durch Eigeninitiative ihre Chance wahrgenommen haben - sei es, weil sie mit 50 noch einmal einen Jobwechsel gewagt haben, weil sie gegen Widerstände ihr Ausbildungs- und Berufsziel erreicht haben, oder weil sie an ihre Geschäftsidee geglaubt und sie verwirklicht haben. Jeder kann so seines Glückes Schmied werden. Wir wollen die Menschen von unserer Vision für das zukünftige System der Bundesrepublik überzeugen - einem System, das dem Einzelnen Chancen bietet, die er aber auch wahrnehmen muss.

ZEIT: Ihre Initiative versteht sich also vor allem als Aufforderung an die Öffentlichkeit?

Tietmeyer: Richtig. Wir Deutschen müssen neu lernen, Chancen zu erkennen und ergreifen. Aber wir möchten der Politik nicht vorschreiben, was sie tun muss. Unsere Grundideen sind einfach: wir brauchen Solidarität für die, die selbst ihr Leben nicht meistern können, aber Raum für die Eigenverantwortung und Eigeninitiative aller Anderen.

ZEIT: Vor genau diesen Veränderungen in Wirtschaftsstrukturen und Gesellschaft herrscht ja offensichtlich viel Furcht - siehe die Demos der ‚Globalisierungsgegner' erst in Seattle, jetzt in Nizza. Warum wird eine globalisierte Wirtschaft und eine Politik, die sich ihr öffnet, von vielen als Bedrohung und nicht als Chance begriffen?

Tietmeyer: Viele Leute haben das Gefühl, dass sie mit dieser neuen Umwelt nicht mehr fertig werden. Natürlich birgt die Globalisierung auch Risiken - nämlich dann, wenn man auf Besitzstandsdenken verharrt. Wir aber wollen den Leuten die Chancen dieser Entwicklungen aufzeigen. Die Wahlmöglichkeiten zwischen verschiedenen Bildungsabschlüssen im In- und Ausland sind größer denn je. Gründung und Selbstständigkeit haben schon vielen zum Erfolg verholfen, die es gewagt haben. Auch innerhalb der Unternehmen hat man plötzlich die Möglichkeiten, mit teilzuhaben, mit Unternehmer zu sein.

ZEIT: Seattle und Nizza sind auch Ausdruck eines wachsenden Unbehagens darüber, dass der Staat die Kontrolle über die vermeintlich von Wirtschaftsinteressen regierte Ökonomie verliert. Ist es da nicht schwierig, eine Politik zu verlangen, bei der der Arbeitnehmer Teile seiner Rechte an den Arbeitgeber abgibt und der demokratisch legitimierte Staat weiter an Macht gegenüber Wirtschaftsinteressen verliert?