Manche Diagnose erfordert detektivischen Spürsinn, doch bis der gesiegt hat, können quälende Wochen oder gar Monate vergehen, wie der folgende Fall zeigt: Alle sechs Mitglieder einer Wohngemeinschaft von Medizinstudenten in der historischen Altstadt von Lübeck hatten sich zu emsigen Kratzern entwickelt. Immer wieder traten bei ihnen heftig juckende Stiche an Armen, Beinen und Bauch auf. Die Stiche glichen stark jenen von Mücken. Indes, der Einsatz von Insektiziden half nichts, und der irritierende Übergriff fand zudem bei klirrender Kälte mitten im Winter statt.

Selbst der Einsatz von aggressiven Chemikalien gegen saugendes Geziefer brachte keine Linderung. Nach etlichen Irrungen und Wirrungen überführten dann Dermatologen und Mikrobiologen der Medizinischen Universität zu Lübeck (MUL) den Übeltäter: Die Studenten hatten sich tropische Rattenmilben aufgesackt, die ihrerseits auf dem Rücken von Wanderratten in ihre Bude gezogen waren. Die Nager wiederum stammten aus der Kanalisation des Weltkulturerbes namens Lübeck und waren, aufgeschreckt durch umfangreiche Sanierungsarbeiten am Straßen- und Rohrnetz vor dem Altstadthaus, samt tropischem Beiwerk übergesiedelt in die warmen Zwischenwände und Decken der Studenten-WG. Die Rattenmilben sind nur etwa einen halben Millimeter groß, passen also durch jede Ritze. Die Blut saugenden Spinnentierchen mit ihren acht Beinen können zudem größere Strecken zurücklegen. Am helllichten Tage befallen die rotschwarzen Winzlinge ihre Blutspender, saugen sich satt und verschwinden wieder von der Haut.

Nach der Diagnose wurde die Wohnung der Studenten von einem Kammerjäger ausgeräuchert. Ohne Erfolg. Denn im Fell der verendeten Ratten hockten massenhaft Milben - und die machten sich aus Decken und Zwischenwänden auf die Suche nach frischem Blut. Zudem wanderten erneut Ratten ein. Im Hausblatt der Lübecker Uni Focus MUL heißt es: "Die Beschwerden nahmen schließlich derartig zu, dass alle Bewohner kurzfristig auszogen. Erst nach systematischer Bekämpfung der Ratten mit Rattengift in Kombination mit einer Besprühung sämtlicher Oberflächen ... und anschließender Renovierung des Hauses traten keine neuen Stiche mehr auf."

Zwar sind solche Attacken tropischer Rattenmilben auf Menschen relativ selten. Doch in Lübeck, Hamburg, London und Bremen hat es bereits in der Vergangenheit kleinere Epidemien gegeben, Anfang der neunziger Jahre sogar in Moskau, dem sich trotz Treibhauseffekt wohl schwerlich eine tropische Lage nachsagen lässt.

"Das Seltene ist selten, das Häufige häufig", lernt jeder Arzt. Manchmal ist es eben doch etwas Ungewöhnliches. Die Lübecker Mediziner empfehlen jedenfalls, bei "sehr hartnäckigen Verläufen von Stichreaktionen, insbesondere in Hafenstädten und bei Rattenbefall" auch in Deutschland tropische Rattenmilben in Erwägung zu ziehen. Jetzt im Winter allemal.