Da war doch etwas, das ähnlich klang. Früher, als man abends Radio hörte. Natürlich. Der Seewetterbericht. Immer die gleiche Stimme, die ihn verlas. Langsam, ohne Versprecher, ohne Freude über das entschwindende Sturmtief entlang der Biskaya, ohne Furcht vor dem auf die Adria ziehenden Orkan, Nord-Ooost, acht bis neun.

So neutral klang die Stimme in dieser Nacht vom 5. Oktober auf dem jugoslawischen Sender. Draußen in Belgrad tobte das Menschenmeer. Die Welt hatte in den Tagen zuvor an die Prognosen nicht mehr geglaubt. Milocevic hatte bis dahin allen Wettern am Ende doch getrotzt. Jetzt aber liefen seine Polizisten und Soldaten zu den Demonstranten über, die Parlament und Fernseh-Bastille erobert hatten. Nur wusste noch niemand, ob sich der Wind wieder drehen würde. Und nun sagte der vom Volk soeben inthronisierte Präsident, dem Milocevic den Wahlsieg vom 24. September gestohlen hatte, zum Interviewer, wie sich die Lage in Serbien entwickeln werde. Das klang so wie der Seewetterbericht: Präzise Sätze. Ohne Versprecher. Ohne Furcht. Und fast ohne Freude.

Die Stimme des 56-jährigen Vojislav Kostunica war der Welt bis dahin unbekannt. Westliche Korrespondenten konnten sie bei den ohrenbetäubenden Demonstrationen gegen Milocevic nie vernehmen. Den Staatsrechtler und Politikwissenschaftler fand man nur in der Mönchszelle. Anders lässt sich sein karges Parteibüro im Zentrum Belgrads nicht beschreiben. Das Ritual war fast immer ebenso sparsam. Nüchtern legte Bruder Kostunica unter der Neonlampe sein demokratisch-konservatives, serbisch-patriotisches Glaubensbekenntnis ab. Es klang respektabel, aber nicht deftig. Das war keiner, der einmal das Tintenfass an die Wand schleudern und die Klause verlassen würde. Den wechselnden Bruderbünden der Opposition mit ihrem Gezänk blieb er fern. Als er einmal ins Fernsehen gerufen wurde, fragte er seinen Freund, welche seiner beiden passablen Krawatten geeigneter sei. "Nimm die rote", sagte der Freund, "die karierte wird flimmern."

Seine Wohnung war und ist nicht viel größer als das Büro. Immerhin fanden darin Zoran Djindjic und ein Dutzend Oppositionelle Platz, die 1990 die Demokratische Partei (DS) gründeten. Zwei Jahre später, im Bosnienkrieg, fand Kostunica, dass die DS die bosnischen Serben nicht genug unterstützte. Er gründete seine eigene Partei, die Demokratische Partei Serbiens (DSS). Man nannte sie die "Buspartei". Ihre Mitglieder passten angeblich in einen Minibus. Derart ausgestattet, trat Kostunica, überredet vom Oppositionsbündnis DOS mit Djindjic an der Spitze, gegen Milocevic an. Das geschah Anfang August, etwa zu jener Zeit, da sich George W. Bush und Al Gore für die heiße Phase ihrer Wahlschlacht um das Amt des US-Präsidenten rüsteten. Kostunica siegte so eindeutig, dass Serbien nicht in zwei Hälften zerfiel, sondern den Wahlfälscher Milocevic stürzte.

Weil die Ironie der Geschichte so frei ist, müssen Männer der Stunde nicht immer zeitgemäß sein. An der Schwelle des nun wirklich beginnenden 21. Jahrhunderts lässt ein Mann Europa aufatmen, der noch von Tugenden des 19. Jahrhunderts geprägt zu sein scheint. Ehrlich, solide, schwerblütig, bedächtig, aber bewandert aus der Lesestube. Wie er sich bewegt, würde ihm ein steifer Kragen gut stehen.

So einer ist nun in der Schwarzhandelsmetropole Belgrad zur Macht getragen worden. Ein serbischer Nationalist - aber kein Balkanpolitiker. Da hebt er sich altertümlich auch von Westeuropas neuen Sitten ab, von manchen Präsidenten und Kanzlern dieser Jahre. Keine einzige Schwarzgeldaffäre seiner Partei in Milocevics Nachtschattenwirtschaft. Kostunica in seiner Äquidistanz zu Milocevic und Madeleine Albright - während der oppositionelle Irrwisch Vuk Drackovic ihr die Hand küsste und mit ihm, Milocevic, gleich darauf koalierte -, dieser Kostunica wäre hierzulande der Gottseibeiuns aller Imagemacher, Talkshows und sonstigen Playstations. Zwischen unserem medialen Infantilismus und den balkanischen Intrigengeflechten wirkt seine Erscheinung so fremd wie Dostojewskijs Fürst Myschkin in Petersburg.

Doch die serbische Bevölkerung liebt ihn. Hat ihn selbst entdeckt. Die Revolution hätte Kostunica nie gefunden. Aber vor mehr als einem Jahr stellten erst amerikanische, dann auch jugoslawische Meinungsbefrager überrascht fest: Dieser eine Mann, kein anderer, könnte Milocevic schlagen. Der Diktator erfuhr es nicht. Sonst hätte er im vergangenen Sommer nicht vorzeitige Präsidentenwahlen angekündigt.