Foto: S.. Wallocha/action press

Weihnachten 2000. Früher saßen wir rotwangig da, wenn Mariah Carey ihre Weihnachts-Hotpants, ihre fellbesetzten Stiefeletten anzog und - vom Himmel hoch, da schnulz ich her - ihre aktuelle Christmas-CD abwarf. Heute steht auf Platz eins der deutschen Charts stabil: Es ist geil, ein Arschloch zu sein. Das ist es wohl auch, das Fest der Liebe krönt ein Jahr der Lieblosigkeit.

Was ist zum Beispiel mit unseren Müttern los, den großen Schweigerinnen: Die eine, die zornige Hera, verlässt erst ihre Sippe für einen Traumschiff-Seemann, dann bricht sie durch das Dickicht der Reportermikrofone wie ein irres Rind und produziert den schönsten Satz des Jahres: "Sorry, ich hab exklusiv!" Soll heißen: Meine Tratschsucht gehört mir nicht mehr, sondern der Boulevard-Glucke von der Bunten, einem Periodikum, das nach einem TV-Movie eigentlich Beichtstuhl der Begierde heißen müsste.

Die andere, Jenny, verkauft ihren frisch gerundeten Bauch erst an den Playboy, dann den Inhalt des Bauches an Bild, und als Günther Jauch in Menschen 2000 das Geschlecht des Fötus wissen will, muss Jenny schweigen, bis am Tag drauf die Mutterbauch-Paparazzi die Resultate ihrer Arbeit vorlegen. Exklusiv. Da schweigt auch Barbara Eligmann und zieht sich nach acht Jahren "Mordwaffe Pistazieneis" aus der zärtlich Explosiv genannten Sendung zurück. Dass sie ein Privatleben hat, wird sie erst merken, wenn jemand darin herumwühlt.

Wie in dem von Christoph Daum, der das Opfer einer Denunziation wurde, auch wenn sich der Inhalt der Denunziation bestätigt haben mag. Anschließend wurde er mit der Höchststrafe einer auf niedrigstem Niveau geführten Drogendiskussion bestraft und muss jetzt sein Leben vor einer Bildtapete in Florida absitzen. Das ist ungerecht, denn immerhin ist Gotthilf Fischer auf der Love Parade mit Ecstasy in Berührung gekommen, was sich auswirkte, als habe er drei Mon Chéri auf einmal eingeschmissen. So viel Liebesrausch passt ihm gar nicht, sitzt er doch gerade an einem Musical über seinen ehemaligen Geschäftspartner, Arbeitstitel - tatsächlich! - Die Drecksau. Bestraft wurde Gotthilf aber nur mit dem Ende der ZDF-Hitparade.

Thematisch verwandt die Sieger in der Gattung Western von Gestern. Die ehemaligen Geschäftspartner Kohl und Schäuble brachten die schöne pietistische Bekenntnisform des Poesiealbums, nein, des Tagebuchs, gegeneinander in Stellung und begriffen nicht, dass die Zeit wichtigere Probleme hat als jene, die sie uns machen.

Ihr Parteifreund Roland Koch dagegen überzeugte mit dem Versuch, der bessere Fujimori zu sein. Jener wurde "wegen permanenter moralischer Unfähigkeit" abgesetzt, dieser aber schaffte mithilfe der Konkubine FDP and a little help from the FAZ den Machterhalt auch als stabiler Rückfalltäter, der eine Fälschung beglaubigte und die Öffentlichkeit notorisch, ja, "brutalstmöglich" belog, und da frage ich mich noch: Was wird eher seinen Geist aufgeben, die christliche Liebe, die Demokratie, das Abendland oder mein Fernsehgerät?