Der Kontrast zwischen dem alten und neuen Finanzminister der Vereinigten Staaten könnte größer kaum sein: hier ein scharfsinniger, manchmal arroganter Ökonom, der seine Sporen im politischen Dickicht Washingtons verdiente, dort ein bescheiden und zurückhaltend auftretender Industriekapitän. Als Amerikas designierter Präsident George W. Bush vergangene Woche Paul O'Neill zum Nachfolger des Demokraten Lawrence Summers ernannte, machte er einen Mann zum Chef seines Wirtschaftskabinetts, der bisher weniger durch intellektuelle Brillanz aufgefallen ist als vielmehr durch eine ruhige Hand an der Spitze eines Großunternehmens.

Ob Bushs Wahl eine gute ist, wird sich bald erweisen. O'Neill, zuletzt Chef des weltgrößten Aluminiumproduzenten Alcoa, geht in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nach Washington. Die Konjunktur lahmt, erstmals seit einem Jahrzehnt droht eine Rezession. Als Finanzminister wird der 65-Jährige zu einem der wichtigsten Wirtschaftsberater des Präsidenten. Sein Votum zählt nicht nur bei der Aufstellung des neuen Etats und der Formulierung von Bushs Steuer-, Handels- oder Sozialpolitik, sondern auch bei internationalen Finanzkrisen - einem Gebiet also, auf dem O'Neill bisher kaum Erfahrung hat.

Glaubt man der amerikanischen Presse, war der Alcoa-Chef nicht die erste Wahl des ökonomischen Küchenkabinetts des neuen Präsidenten. Den Ausschlag zu seiner Ernennung gab Bushs Vize Dick Cheney, der O'Neill seit langem kennt. Dazu half die Freundschaft des Industriellen mit Amerikas oberstem Wirtschaftsguru Alan Greenspan. Beide arbeiteten in den siebziger Jahren als Berater des republikanischen Präsidenten Gerald Ford; 1987 nutzte der heutige Chef der Federal Reserve seine Position im Aufsichtsrat Alcoas, um O'Neill zum Leiter des Unternehmens zu befördern. Der neue Finanzminister sei "ein alter Freund" und "eine außergewöhnliche und talentierte Person", ließ Greenspan Ende letzter Woche verlauten.

O'Neill begann seine Karriere als Bauingenieur in Alaska. Vor seinem Wechsel in die Industrie arbeitete er 16 Jahre in der Regierung, überwiegend als Budget-Spezialist. Unter seiner Führung wandelte sich Alcoa von einem schwerfälligen, technologisch zurückgebliebenen und auf Amerika konzentrierten Konzern zu einem schlagkräftigen Giganten, der in 36 Ländern der Erde operiert. Business Week ernannte O'Neill 1995 zu einem von 25 "Managern des Jahres"; 1999 überraschte Alcoa die Wall Street als bester Performer der 30 Unternehmen des Dow-Jones-Index. Der Erfolg des Konzerns machte auch seinen Chef zu einem reichen Mann: Im vergangenen Jahr verdiente O'Neill 2,9 Millionen Dollar, der Wert seiner Aktien-Optionen wird auf mehr als 20 Millionen Dollar geschätzt.

Die Verbindung zur Politik verlor der Industrielle auch während seiner Jahre bei Alcoa nicht. Für George Bush senior saß er in Expertenkommissionen, die Amerikas Bildungswesen und die Reform der Alterssicherung behandelten. Bill Clinton beriet er in Fragen des Umweltschutzes. Dabei fiel O'Neill wiederholt durch Positionen auf, die republikanischer Orthodoxie widersprechen. Anders als sein Präsident glaubt der neue Finanzminister, dass die globale Erderwärmung ein echtes Problem ist. Dazu machte er sich 1990 für eine Ölsteuer und 1992 für eine Benzinsteuer stark. Amerikas Steuersystem müsse gewährleisten, dass "wir denen, die es haben, Geld abnehmen, um damit Dinge zu bezahlen, die im allgemeinen Interesse liegen", sagte O'Neill im Mai des vergangenen Jahres vor dem Washingtoner Council for Excellence in Government.

Ob er mit solchen Ansichten das Gehör von Bush findet, darf bezweifelt werden. O'Neill wurde nicht zuletzt ins Kabinett geholt, um für das 1,3 Billionen Dollar schwere Steuersenkungsprogramm des designierten Präsidenten zu fechten, von dem vor allem reiche Amerikaner profitieren würden - auch gegenüber Alan Greenspan, der den Plänen skeptisch gegenübersteht. Dazu wird sich der Finanzminister einer konservativen Garde von Wirtschaftsberatern erwehren müssen, die dem neuen Herrn im Weißen Haus bereits während des Wahlkampfs ständig zur Seite standen. An ihrer Spitze steht Lawrence Lindsey, der schon in den achtziger Jahren als Verfechter der Steuerpolitik Ronald Reagans auffiel und später zum Zentralbank-Gouverneur an der Seite Greenspans ernannt wurde.

Mit seinen Meinungen wird er es in Washington schwer haben