Eine Diskokugel lässt Lichtscherben durch die Volksbühne in Berlin ("Ost") gleiten: "Mönsch, dass's ja wie in alten Zeiten!" Wir befinden uns in einem bunten Abend für Rentner der zweiten deutschen Diktatur, auf die Bühne gestellt von Leander Haußmann. Die Legende von Paul und Paula, der Film Ulrich Plenzdorfs und Heiner Carows von 1973, die außereheliche Liebe einer Kaufhallenangestellten und eines Staatsdieners, führte nicht nur vor, was von sexueller Libertinage, Flower Power und weiblicher Selbstbestimmung in der DDR angekommen war, sondern wendete diese antibürgerlichen Errungenschaften als kleines Glück auch gegen die normierte Utopie des Staatswesens - mit jener rührenden, heute unfehlbar komisch wirkenden Ernsthaftigkeit, die den siebziger Jahren überall, auch im Westen, eigen war.

Haußmann erzählt diese Geschichte aus heutiger Sicht nach. Die Akteure sind so alt, wie sie es im Jahr 2000 wären, nur die jugendlichen, früh gestorbenen Liebenden (Annika Kuhl und Fabian Hinrichs) sind so jung geblieben, wie sie es damals waren; sie turnen als schöne Gespenster zwischen 60-Jährigen, die in einer Datschensiedlung zusammensitzen und sich erinnern. Am Horizont ist eine Spielzeug-DDR mit Fernsehturm und Hochhäusern aufgebaut. Man hört die alten Lieder, schwatzt durcheinander, sitzt in Campingstühlen um einen qualmenden Grill, und "Berni" (Bernhard Schütz), der mal als Haußmann-Double (Strubbelfrisur, Brille), mal als Indianer (Federn) auftritt, ist der Geist der Erzählung, der Narr, der Clown, laut Personenzettel: "Meine Person."

Vieles ist nicht ungeschickt gemacht, die Musik spielt eine tragende Rolle, die Datschensiedlung ist auf die Drehbühne gepresst, und so stellt sich der Eindruck von Eingesperrtsein, Mikrokosmos, Kollektiv ganz von selbst her; außerdem symbolisiert diese Bühne irgendwie das Vergehen der Zeit und ihren Stillstand zugleich. Dass und warum die DDR untergegangen ist, kommt kaum in den Blick, in der Stimmung von Reservat und Rentnerparadies, die Haußmann absichtsvoll erzeugt, gibt es keine neue Zeit, nur ganz viel alte. Ein Professor mit dunkler Brille erklärt immer wieder, dass alle, die da sprechen, tot sind, das Parteilied fragt immer noch "Sag mir, wo du stehst", und auch das Kollektiv wiederholt unentwegt dieselben Sätze.

Unter diesem aufwändigen Arrangement ahnt man hin und wieder eine Möglichkeit von Tschechow, die bösartige und traurige Poesie des insektenhaft erstarrten, ungelebten Lebens in der Raum- und Zeitkapsel einer Provinz. Das Unglück des Abends ist, dass seine Materialien echt sind. Der Film Die Legende von Paul und Paula hat reale Bewusstseinsgeschichte der DDR gemacht und einen präzisen Moment zu Beginn der Honecker-Ära festgehalten, im Film symbolisiert durch die Sprengungen alter Häuser und durch die Neubauten daneben; die Lieder dazu wurden wirklich gespielt und gesungen. So mündet bei Haußmann alles in eine Ästhetik des Wiedererkennens. Am Szenenschluss vor der Pause kramen die Datschenbewohner ihre ersten Jeans heraus und versuchen, sich noch einmal in die alten Röhren zu quetschen. Man sieht erstens, dass sie nicht mehr hineinpassen, zweitens aber, dass es auch eine Geschichte der körperlichen Bewegung gibt: Man bewegte sich 1970 anders in seinen Jeans als 2000.

Was ist die seelische Funktion dieser Art von Aufarbeitung der Vergangenheit? Schon die Botschaft von Haußmanns Film Sonnenallee war: Es gab auch ein Leben in der DDR mit Pubertät, Liebe und Popmusik, und es war wichtiger als das Regime; auch Vopos und Grenztruppen nahmen daran teil. Goldener Humor umspinnt Machthaber und Unterdrückte; wo man meinte, einen alles beherrschenden Staat zu erkennen, da sieht man bei Haußmann eine alles in ihren Bann ziehende Familiarität. Dies zu zeigen - das wärmende Kollektiv als die andere Seite des totalen Staates -, wäre schon in Ordnung, wenn man zumindest erführe, dass vielleicht auch das Kollektiv so grässlich war, wie eben Familie nur sein kann. Stattdessen macht Haußmann sich über alle Beteiligten lustig, auch über das Publikum. Mit dem Humor, der eines Saufabends in der Kaserne würdig ist, lässt er aus einem Datschenhäuschen ein Rohr quer durch den Zuschauerraum der Volksbühne zu den ansteigenden Sitzreihen verlegen. Dann hört man das Geräusch einer Wasserspülung. Das Glück der DDR: der Traum von der funktionierenden Innentoilette.