Vermutet haben es viele, doch seit gestern ist es klar: Die BSE-Seuche hat das Kabinett erreicht. Während Gesundheitsministerin Andrea Fischer noch rechtzeitig zum Redaktionsschluss vieler Tageszeitungen ihren Rücktritt erklärte, zierte sich ihr Kollege, der Landwirtschaftsminister Funke, fast einen Tick zu lange, um es auch in die überregionalen Blätter zu schaffen. Denn natürlich füllen die offiziellen und erahnten Demissionen heute morgen alle Titelseiten und helfen über die ansonsten eher flaue Nachrichtenlage hinweg.

Die Rücktritte und frühere Schlagzeilen

Die "Welt", die "Frankfurter Rundschau" und das "Handelsblatt" machen mit fast gleichlautenden Schlagzeilen auf. Die "taz" experimentiert mehr mit ihrer Überschrift: "Jetzt wieder Wurst", schreiben die Berliner. Den Preis für das schönste Wortspiel des Tages hat sich die "Bild" verdient. "Minister Wahnsinn" steht da in großen Lettern ganz oben. Nur die "Süddeutsche" und die "Frankfurter Allgemeine" haben in ihren überregionalen Ausgaben andere Headlines gewählt. "Meinungsunterschiede in der Koalition über die uranhaltige amerikanische Munition", schreiben die Frankfurter. Auch die Münchner haben das Thema auf der ersten Seite. "Nato prüft Verzicht auf Uran-Munition".

Da hat es dem Kanzler den Appetit verschlagen. Eigentlich wollte er mit seinen Ministern gestern Abend Essen gehen, doch der Rücktritt der beiden Minister Funke und Fischer ließ den Braten kalt bleiben. Damit sind es sieben Minister, die das Kabinett in knapp zwei Jahren verlassen haben. Zwar erwischte die meisten Kommentatoren die Entscheidung in allerletzter Minute, doch die Kreativität der Überschriften wurde deswegen nicht ausgebremst. "BSE-Opfer in Schröders Kabinett", überschreibt die "Süddeutsche" respektlos ihren Kommentar. Den richtigen Entschluss aus ihrem glücklosen Umgang mit der BSE-Krise hätten sie gezogen, heißt es dort, und man resümiert angesichts der Krise: "Die Glaubwürdigkeit der Regierungspolitik steht nämlich nicht mehr nur an den Rändern, sondern zunehmend auch im Kern des Kabinetts in Frage. Dass Wackelkandidaten wie Fischer, Funke und Riester - letzterer mehr durch sein Gebaren als durch seine Politik - den Krisenmanagern im Kanzleramt immer wieder eine Menge Arbeit bescheren würden, war dort als Gegebenheit akzeptiert worden." Dabei ist der Rücktritt der Gesundheitsministerin von ihr selbst verschuldet, wie die "Frankfurter Rundschau" meint, und sie zählt dann gleich mal auf: "Selbstverständlich kann es nicht angehen, dass eine Warnung des Bundesamts für Fleischforschung, die auf Gefahren durch BSE-verseuchte Wurst hinweist, länger als eine Woche in der Hauspost unterwegs ist, bevor sie auf dem Schreibtisch der Ressortchefin landet. Bald darauf gestand Fischer auch noch ein, dass sie die BSE-Akten aus der Zeit ihres Vorgängers Horst Seehofer nicht gelesen hatte. Welche Blamage." Doch ihr couragierter Schritt ließ zumindest am Ende ihrem umstrittenen Kollegen Funke keine Chance mehr, freut sich die "taz", die sich zu der Überschrift "Seuche im Kabinett" hinreißen läßt. "Immerhin war der Abgang so kraftvoll, dass glücklicherweise der Landwirtschaftsminister gleich mit in den Strudel gerissen wurde. Dafür ist ihr zu danken, eine gute Tat zum Schluss. Kalle Funke, dies scheint gewiss, hätte sonst das BSE-Problem ausgesessen." Einig sind sich die Kommentatoren, dass beide die Krise verwurstet haben, doch was nun? Auch die "Welt" wähnt das gesamte Kabinett in Schwierigkeiten. "In die Schusslinie nicht nur der medialen Kritik, sondern vor allem auch der immer mächtiger werdenden SPD-Fraktion sind nicht nur die BSE-belasteten Minister, sondern auch die einstigen Stars im Kabinett wie Außenminister Joschka Fischer, Finanzminister Hans Eichel oder Sozialminister Riester geraten." Der Kanzler ist unter Druck, kommentiert die "Welt" weiter. Er sei hin und her gerissen zwischen seiner Einschätzung, dass angeschlagene Minister handsamer zu führen seien oder dass eine schwache Mannschaft über kurz oder lang auch das Bild des Regierungschefs gefährdeten. Denn: "Viel Zeit für seine Überlegungen hat der Kanzler seit gestern abend nicht mehr."

Dazu passt die Meldung, dass sich der bayerische Ministerpräsident Stoiber was Neues in Sachen BSE ausgedacht hat. Um nicht allzu viele Rindviecher von den zumindest glücklichen Weiden zu nehmen, will er nun nur noch von BSE befallene Tiere, nicht aber mehr die ganze Herde, in dem das BSE-Rind lebte, töten lassen. Fein, sagt da die "Süddeutsche" und weist darauf hin, dass es schon einen derartigen Versuch in einem anderen Land gegeben hat. In dem nicht eben für seine Umsicht im Umgang mit dem Rinderwahnsinn bekannten Großbritannien.

Zündstoff in der Nato

Zu einer echten Vertrauenskrise in der Nato wächst sich die Verwendung der mit Uran verfeinerten Munition der Amerikaner aus. Verursacht diese Munition nun Leukämie, oder nicht? Die US Streitkräfte weisen alle Vorwürfe weit von sich, die Europäer sind dagegen alarmiert. Es bahnt sich ein Machtkampf zwischen den beiden Lagern an, so die "Welt". "Allerhand Misstrauen gegen die Führungsmacht der Allianz prägt plötzlich den Ton, selbst bei deutschen Christdemokraten. Kein Wunder, während des Konfliktes haben die Amerikaner nach Aussagen mehrerer Nato-Diplomaten ‚wirklich heiße Informationen' entweder ganz für sich behalten oder sie nur mit den ‚Großen' geteilt: Großbritannien, Italien, Deutschland." Oups, Deutschland? Der laut "Süddeutschen" "auch von der Minne beanspruchte" Minister Scharping ließ sich deswegen noch zu keinem wirklich passenden Kommentar hinreißen, auch wenn sich das Bonner Verteidigungsministerium hinter den Kulissen darum bemüht, die umstrittene Munition bis zu einer endgültigen Klärung aus dem Verkehr zu ziehen. Die "Frankfurter Rundschau" sieht weit größere Probleme auf die Allianz zukommen: "Was ist, wenn sich bei dem zu befürchtenden Unilateralismus der Alten Krieger aus der Bush-Administration und bei steigendem europäischem Selbstbewusstsein die Bedrohungsszenarien für die Welt zwischen Los Angeles und dem Kaukasus nicht mehr überlappen?" Bündnisgefährdend finden das die Frankfurter und fügen an: "Eine Nato, in der die Führungsmacht den übrigen Mitgliedern umstrittene Munition und Bedrohungsszenarien aufdrückt, ist keine partnerschaftliche Allianz."