Ein deutscher Ostpolitiker ächzt für gewöhnlich unter der Last der großen Vorbilder und der großen Verbrechen des vergangenen Jahrhunderts. Gerhard Schröder, ganz unverkrampft, wollte sich diesen Schuh bei Amtsantritt zunächst nicht anziehen. Mit dem russischen Präsidenten gedenke er, anders als sein Vorgänger, nicht in eine Sauna zu gehen, erklärte der Kanzler 1998. Die Zeiten der krawattenlosen und kreditseligen Männerfreundschaften hätten sich überlebt. Russische Besucher wie den Premier Jewgenij Primakow schickte Schröder noch 1999 während der Kosovo-Krise barsch und unverrichteter Dinge nach Hause.

Nun ist alles anders. Im Sommer bereits machte Schröder eine "Nähe der Mentalitäten" zwischen Deutschen und Russen aus, die freilich "nicht überhöht" werden solle. Nüchtern, aber feierlich besuchen Gerhard Schröder und seine Gattin zum orthodoxen Weihnachtsfest am 6./7. Januar das russische Ehepaar auf ihrer Datscha bei Moskau. Dort wird der Kanzler standhaft um die Sauna einen Bogen machen, die Herz und Heizstube einer richtigen Datscha ist. Im Bolschoj Teatr wollen sich Wladimir Putin und Gerhard Schröder das Ballett Giselle anschauen. Nach der Weihnachtsnacht pilgern die Staatenlenker dann nach Sergijew Possad, dem Wallfahrtsort des heiligen Sergius. In der reich dekorierten Hauptkathedrale werden der ehemalige Juso-Chef Schröder und der Ex-KGB-Mitarbeiter Putin über die Transzendenz aller irdischen Beziehungen sinnieren können. Es wäre überhöht, darin die räumliche Verlagerung der deutsch-russischen Beziehungen von der Sauna in die orthodoxe Kirche zu sehen. Aber eine neue Herzlichkeit ist zu verspüren.

Schröder und Putin haben sich ein volles politisches Begleitprogramm aufgeladen: die gedeihlichen Wirtschaftsbeziehungen, die leidige Schuldenfrage, den Ausbau der Gesprächskreise, die engere Zusammenarbeit in Europa. Es ist Schröder selbst, der im abgelaufenen Jahr schon zweimal beteuert hat, hier werde "nicht der Geist von Rapallo" beschworen.

Wirklich nicht? Was passierte damals im April 1922? Nach einer dramatischen Beratungsnacht im Pyjama entschloss sich die deutsche Delegation, in der Abgeschiedenheit des genuesischen Vororts mit der sowjetrussischen Abordnung zusammenzutreffen. Das unterzeichnete Abkommen von Rapallo an sich war relativ unspektakulär, doch die Wirkung auf die Westmächte gewaltig. Vor allem die Franzosen zeigten sich schockiert über die Abmachung der Verlierer des Ersten Weltkriegs - ein Komplott der Aussätzigen, so schien es ihnen. Dabei war das ganze Ausmaß der Gemeinschaftsarbeit gar nicht sichtbar: Die deutsche Reichswehr kooperierte schon seit 1921 eng mit den Russen, wohlverborgen vor dem Rest der Welt.

Schröder hat also Recht: Die Datscha ist nicht Rapallo. Doch die wesentlichen Unterschiede nannte er nicht. Damals war Deutschland isoliert und schaukelte zwischen West und Ost, heute ist es nach langer Irrfahrt im Westen angekommen und verankert. Damals gingen die gleichermaßen isolierten Deutschen und Russen aufeinander zu, heute mühen sich vor allem die Russen um bessere Beziehungen mit Deutschland, um aus ihrer diplomatischen Einsiedelei herauszufinden. Moskau hat seit seinem Abstieg aus der Global Champions League in die eurasische Regionaloberliga seine Satelliten aus dem Kalten Krieg verloren. Die "strategischen Allianzen" mit China und Indien sind nicht viel wert, die Freunde im Irak und Iran unsichere Kantonisten. Deutschland hingegen ist enger Verbündeter Amerikas, Mitglied in der EU und der Nato, einflussreicher Spieler in der Welthandelsorganisation und in der G-7-Gruppe. Russland sucht nach Anerkennung und Vollmitgliedschaft in der WTO wie der G-7-Gruppe. Dafür braucht es auch Deutschlands Fürsprache. Seit Wladimir Putins Besuch im Juni ist Berlin ein Lieblingsziel russischer Politiker. Außenminister Igor Iwanow und, noch wichtiger, der Chef des Sicherheitsrates Sergej Iwanow führten eine Charmeoffensive im nüchtern-eleganten Stil der Post-Jelzin-Ära.

Deutsche Sozialdemokraten erinnern da gern an die Ostpolitik Willy Brandts, an die sie anknüpfen wollten. Doch auch dieser historische Vergleich verzerrt die Sicht. Damals war Deutschland auf Russland angewiesen. Sowjetische Truppen standen in den Kasernen vor Berlin. In der Zeit der Entspannungspolitik war Moskau eher Besatzungsmacht als echter Partner. Heute ist Deutschland in keinem lebenswichtigen Bereich mehr an Russland gekettet oder von Moskau bedroht. Eine Erpressung mit Nuklearwaffen können sich selbst deutsche Sicherheits-Siegelbewahrer kaum vorstellen. Auch die Gefahr aus Schwäche wird meist überzeichnet. Zusammengebrochen ist nicht Russland, sondern die beliebte Chaostheorie, nach der das Land kollabieren und den Westen mit Flüchtlingen, Mafiosi und Plutonium überschwemmen werde. Die Schicksalsgemeinschaft Europas mit Russland ist ein Mythos. Russlands Finanzkrise 1998 traf nur wenige deutsche Unternehmen. Während Moskau noch die Wunden leckte, sprang in Westeuropa die Konjunktur an. Deutschlands Wohlergehen hängt nicht, wie oft behauptet, vom Erfolg russischer "Reformen" ab. Sie eröffnen den Deutschen lediglich Handlungsspielräume. Die schon sprichwörtliche "Unterstützung für die Reformen" fördert den deutschen Export; als Investition in die deutsche Sicherheit klingt sie nach Mogelpackung.

Die deutsche Position der Stärke bullig auszuspielen wäre unklug