Zunächst der Kanzler: Da schweigen wir lieber von seiner völlig un-inspirierten Neujahrs-Ansprache - ziemlich parterre. (Übrigens sah es - fast - so aus, als sei die Passage über BSE, mit Perspektivenwechsel ohne Krawattenwechsel, nachträglich in die Konserve hineingeschnitten worden.) Dafür hatte er Tage zuvor schon gesagt, er wünsche sich in Sachen therapeutisches Klonen und Stammzellenforschung mit menschlichen Embryonen eine "ideologiefreie Debatte". Der Schelm! Als ob er aus seiner Juso-Erinnerung nicht wüsste, dass die größten Scheuklappen gerade jener trägt, der sich für völlig ideologiefrei hält. Oder wollte Schröder all jene, die Einwände gegen eine moralfreie, ethisch neutrale Debatte über die Bioethik erheben, einfach nur als ideologisch verrannt abtun? Dann hätte er das auch so sagen sollen - und damit ( oder auch milder: stattdessen) einen kleinen Einblick in seinen eigenen alternativen ethischen Kosmos geben können.

Jedenfalls hat er den Bischöfen mit seinem Scheuklappern eine wunderbare Steilvorlage für deren Predigten zum Jahreswechsel geliefert. Nicht immer wird der ethische Ernst, mit dem die Kirchen in diese Debatte eingreifen, durch die Wortwahl sogleich plausibel. Dass die Kirchen die letzte Lobby für das Leben seien ( das kam, wenn ich meinen Notizen trauen darf, aus Köln), das ist denn doch ein wenig übertrieben, um es milde zu sagen. Ziemlich hoffärtig… Aber an diesem Jahreswechsel bekamen die katholischen Bischöfe Deutschlands von mir eine kleine Erschwerniszulage - mussten sie doch ihren Gläubigen mit starken Worten erklären, dass sie per ultimo aus der Schwangerschaftskonfliktberatung aussteigen, die ursprünglich auch dank ihres eigenen Mahnens in das Gesetz geschrieben worden war und die sie lange genug (aber vielleicht auch wieder nicht lange genug) gegenüber Rom hochgehalten hatten. Da gilt dann auch in kirchlichen Kreisen zuweilen die alte Journalistenregel: "Wenn Argument schwach: Ausdruck verstärken!"

Aber gut, der Kanzler hat seinen Wunsch fürs neue Jahr schon vor Weihnachten geäußert - und seit Sylvester weiß er, dass er nicht in Erfüllung gehen wird. Sollte froh darüber sein…

P.S.: Köln und München, das waren in der westdeutschen Nachkriegszeit die beiden Bischofssitze, die sich im Vorrang und im Vorsitz der deutschen katholischen Bischofskonferenz abwechselten - bis der damals noch ungehörig junge Karl Lehmann aus Mainz zum Vorsitzenden gewählt wurde (zum Glück seither immer wieder...) Inzwischen streiten Köln und München offenbar über den Vorrang kardinaler Schimpfreden - zuweilen sub omnium canone, unter aller Kanone, oder wie der Lateiner in uns sagt: unter aller Regel, mitunter: sehr tief. Bisher trug Köln in aller Kanone den Sieg davon, aber dieses Mal wurde Köln durch München getoppt: Mit der "Eingetragenen Lebenspartnerschaft" habe sich "Deutschland aus der Kultur- und Sittengeschichte der Menschheit verabschiedet". Bisher dachte ich, das hätten wir mit dem Holocaust getan. Wie man sich irren kann. Aber nun stehen wir eben auf diese Weise außerhalb der Menschheit, zusammen mit den Dänen, den Franzosen, den Niederländern…Das ist immerhin gemütlicher als die ursprüngliche Variante…Das neue Jahr fängt jedenfalls gut an. Auch für Sie?