Die frohe Botschaft kurz vor Heiligabend kam aus Schwarze Pumpe. Tiermehl zu Alkohol lautete die Schlagzeile. Einem Nachfolgeunternehmen des ehemaligen Braunkohlekombinats war es gelungen, 20 Tonnen braunes Pulver in Schnaps zu verwandeln. Frohlocken war allerdings fehl am Platz: Das Endprodukt hieß Methanol, ein Stoff, der für den menschlichen Verzehr so wenig geeignet ist wie neuerdings rohes Carpaccio.

Zwanzig Tonnen Tiermehl sind also verflüssigt. Bleiben gut 600 000 Tonnen, die alljährlich in Deutschland anfallen. Wiederkäuern wie Rindern und Schafen darf das schon seit sechs Jahren nicht mehr vorgesetzt werden. Schweine, Geflügel und Fische konnten sich bis Anfang Dezember noch darüber hermachen. Dann kam der BSE-Schock und damit ein generelles Fütterungsverbot. Seitdem darf spekuliert werden. Wohin mit dem Zeug? Vor der Küste verklappen? In Bergwerken einlagern? In den Weltraum schießen? Die Debatte erinnert an den Streit um verstrahltes Molkepulver. Nach Tschernobyl wurde es monatelang durch die Republik gekarrt. Damals nahm der bayerische Landwirtschaftsminister noch einen Löffel vor laufender Kamera; mit dem Tiermehl will jetzt allerdings keiner mehr Plätzchen backen.

Dabei ist angeblich viel Gutes drin. Eiweiß, Fett, phosphorsaurer Kalk, essenzielle Aminosäuren und jede Menge Spurenelemente. Gern hätten es die Landwirte verfüttert, sagt Manfred Brunner vom Verband der Fleischmehlindustrie, weil es preiswerter sei als Fischmehl. Als "stille Industrie" habe die Fleischmehlbranche ihre Arbeit verrichtet, die Erlöse seien "auskömmlich" gewesen.

Mit der Stille ist es nun vorbei. Unappetitliche Details kommen ans Tageslicht, manchem bleibt dabei die Brühwurst im Halse stecken. Der Fleischverzehr hat eine Kehrseite, und die heißt Kadaverwirtschaft. Allein 360 000 Tonnen tote Tiere gilt es hierzulande jährlich zu entsorgen. Nach dem Tierkörperbeseitigungsgesetz zählen dazu alle Einhufer, Klauentiere, Hunde, Katzen, Geflügel, Kaninchen und Edelpelztiere, die sich "im Haus, Betrieb oder sonst im Besitz des Menschen befinden". Schwerer ins Gewicht fallen gut zwei Millionen Tonnen Schlachtabfälle. Das alles löst sich nicht in Luft auf, sondern muss in speziellen Anlagen möglichst hygienisch beseitigt werden. Luderplätze hießen solche Einrichtungen im Mittelalter, der Abdecker oder Wasenmeister zog den Tieren die Haut ab und ließ den Rest mehr oder weniger vergammeln. Allerdings war es auch schon damals üblich, Karkassen und Gekröse auszukochen. Das gewonnene Fett wurde zu Kerzen und Seife verarbeitet.

Der BSE-Erreger übersteht auch das Sterilisationsverfahren

Heute werden Kadaver, Schlachtabfälle und Blut gesammelt und im geschlossenen Lkw zur nächsten Tierkörperbeseitigungsanstalt transportiert. Dort landen die Feststoffe in so genannten Brechern und werden zu Brei geschreddert. Der Fleischbrei kommt in einen Druckbehälter und muss, zumindest nach deutscher Vorschrift, 20 Minuten lang unter einem Druck von drei Bar auf 133 Grad erhitzt werden. Anschließend wird das Ganze getrocknet, zwei Drittel der Feuchtmasse verdampfen. Die Trockenmasse wird gepresst, dabei trennen sich Fett und Eiweiß. Als Pulver, in Blöcken oder in flüssiger Form kehrt das Produkt in den Wirtschaftskreislauf zurück. Ein Musterbeispiel von Ökonomie und Ökologie zugleich, wie die Fleischmehllobby findet.

Der Laie und Verbraucher sieht das inzwischen möglicherweise anders. Ganz ist das Geschäft der Abdeckerei seinen üblen Geruch sowieso nie losgeworden. Immer wieder gab es Skandale. Mal landete Klärschlamm in den Anlagen, mal wurde mit Altöl oder Frittenfett hantiert. Selbst das gepriesene deutsche Verfahren der Drucksterilisation hat seine Tücken; als die Bundesanstalt für Fleischforschung in Kulmbach 19 Tiermehlproben unter die Lupe nahm, stellte sich heraus, dass mindestens sechs davon nicht homogen erhitzt worden waren. Nach allem, was man vom BSE-Erreger inzwischen weiß, übersteht er das Druckkochverfahren locker. Wirklich inaktivieren kann man ihn nur durch konzentrierte Natronlauge oder extrem hohe Temperaturen.