Eigentlich verdankt die Sau Tanja ihr Glück jener Katastrophe, die eine zungenfertige Politikerin den "GAU der industriellen Landwirtschaft" genannt hatte: BSE. Diesem GAU und dem, was der "Event-Gastronom" Björn Petermann daraus für sich gemacht hatte. Petermann, Sterne-dekorierter Koch, hatte bisher ganz gut an Fleischgerichten verdient. Seine Saltimbocca und der Altfriesische Rinderbraten in Wurzelsud lockten zuverlässig zahlungskräftige Spesenesser in seine Blaue Gans. Bisher. Bis zum BSE-GAU.

Angesichts der Illustriertenfotos von zerlöcherten Gehirnen und vegetierenden Creutzfeldt-Jakob-Patienten machte Petermann nicht den Fehler vieler Kollegen (weichen wir doch einfach auf Lamm, Fisch und Pute aus!). Nein, er dachte grundsätzlich nach. Und beschloss, dem benachbarten Schweinemäster einen "artgerechten Bio-Stall mit überdachtem Aus- und Freilauf ins Grüne" (Prospektbeschreibung) zu finanzieren.

Die neue Anlage befand sich zweckmäßigerweise unmittelbar vor seinem Etablissement, und zwar dergestalt, dass die Esser von der Blauen Gans aus einen Blick auf sich suhlende Säue hatten und durch ein halb verglastes Dach sogar die Schlafboxen und den gesamten Innenhofbereich einsehen konnten. Jeder, der es wissen wollte, musste bemerken, dass diese Glücksschweine frei zwischen Rückzug und Gruppenerlebnis wählen können.

Tanja hatte das saumäßige Glück, zur ersten Generation der Big Brother- Schweine zu gehören, die nun, nach menschlichem Vorbild, jedwede Verrichtung vor den Augen sitzender Genießer darboten. Am Ende des ersten Tages in Freiheit war Tanja wie aus großer Schwäche zu Boden gesunken, hatte die feucht glänzende Rüsselscheibe noch gerade eben erdkrümelfrei gepustet und war dann in einen Wachtraum hinübergeglitten. Der Kringelschwanz propellerte, und schubweise durchlief ein Schütteln den massigen Leib. Eigentlich war das alles zu viel. Zu viel des Guten.

Bis zu ihrem Umzug waren Gerüche als alles verschluckende Wolke aus dem Trog gestiegen. Ein metallisches Klicken hatte jedes Mal den Futterausstoß angekündigt, bevor eine Hydraulik eine Grütze aus Tiermehl und Sojaschrot in die Futterrinne presste. Tanja hatte eine Spezialfähigkeit entwickelt, die sie gewissermaßen zum Herold guter Dinge im Verband der Einzelschweine gemacht hatte: Als Einzige registrierte sie, dass dem futterkündenden Klicken ein sehr tiefer Summton voranging, das Anlaufen des Förderbandes. Irgendwann lernte es der ganze Stall, dass Tanjas Futter-kommt-Quiekser ein positives Signal war.

Summen, Klicken, explodierendes Schweinegeschrei - das war Vergangenheit. Die neuen Gerüche schlugen nicht mehr über einem zusammen, sie wehten einen verheißungsvoll an. Sie überlagerten und verquirlten sich, besonders draußen: irdiger Vollgeruch mit rhythmischen Spitzen aus Gras, Pilzgeflecht und Holzmoder. Und auch der alles niederbeizende Kotgeruch vergangener Tage, der eigene und der der anderen, war kaum noch zu spüren.

Tanja war noch keine Stunde in Freiheit, und schon hatte sie das Prinzip der räumlichen Trennung von Fäkal- und Lebensbereich begriffen. Hinter der Doppeleiche entleerte man sich. In leichter Kauerstellung, die Selbstbeschmutzung verhindert. Tanja kannte diese Schweinehygiene instinktiv, obwohl sie zeitlebens in der Unwirtlichkeit der Ställe einfach nur so unter sich gelassen hatte. Das bisherige Stehen im eigenen Schlamm hatte ihr angeborenes Reinlichkeitsbedürfnis betäubt, aber nicht abgetötet. Der rote Ausschlag über ihren Fußgelenken, von hoch konzentrierter Harnsäure hervorgerufen, hatte schon wenige Stunden nach Verlassen des Massenquartiers begonnen, sich zu überkrusten. Geblieben war vorerst nur eine erhöhte Empfindlichkeit gegen Luftzug und den Druck der eigenen Körpermasse beim Liegen.