Kein anderes Tier wird so durch den politischen Fleischwolf gedreht wie das Schwein. Selbst in Zeiten von Creutzfeldt-Jakob, in denen "das Rindersystem" über Leichen geht, bleiben Saustall und Schweinesystem die Synonyme für Misswirtschaft und Missmut in der Politik.

Der Saukerl

Die politische Verwurstung des Schweins beginnt im 19. Jahrhundert. Über das Herumgezote schlagender Verbindungen und den schnarrenden Kommisston brutaler Schleifer gelangte es in den Ersten Weltkrieg: als Frontschwein zunächst, das trotz saudummer Befehle im Stellungskrieg verharrte, dann als feiges Schwein, das die Schlacht gegen den inneren Schweinehund verlor, schließlich als Sauhaufen, der von den Freikorps mühelos niederkartätscht werden konnte. Es war die Zeit, in der die Ehrverletzung Untergebener Ehrensache war und das berühmteste arme Schwein, der "Saukerl Schwejk", in einem fort beleidigt wurde. Die Verrohung des politischen Vokabulars erreichte ihren einsamen Höhepunkt durch die Nazis, die das Weimarer System und den Reichstag einen "Schweinestall" nannten und allen, die links von Hindenburg standen, die baldige Liquidierung versprachen.

Der Schock über den rüden Ton und seine katastrophalen Folgen führte in der Nachkriegszeit zu einem nahezu völligen Schweineverzicht. Nur manchmal reizte es übereifrige Abgeordnete, Herbert Wehner im Bundestag "Kommunistensau" zu schelten. Doch Wehner, der etwa den Abgeordneten Wohlrabe als "Übelkrähe" verspottete, war auch nicht gerade zimperlich.

Saustall Deutschland

Den ersten Rückfall in die Weimarer Systembeschimpfung erlebte die Bundesrepublik 1975. Beim Politischen Aschermittwoch wetterte der CSU-Vorsitzende Strauß in der Passauer Nibelungenhalle gegen "das eklatante Versagen derer, die ausgezogen waren, Deutschland zu reformieren, und einen Saustall ohnegleichen angerichtet haben." Als Willy Brandt sich verbat, Deutschland mit einem Saustall gleichzusetzen, zog Strauß vor Gericht. Nicht das Vaterland habe er geschmäht, sondern die Reformpolitik "der Roten". Und dazu stehe er. Der Streit ging durch alle Instanzen, mit kabarettreifen Einlagen aller Beteiligten. Was Jörg Haider nicht davon abhielt, den "Wiener Saustall" ins Zentrum seiner späteren Machtergreifungspolitik zu stellen.

Heute ist der Saustall ein so abgegriffenes Bild, dass er höchstens noch der zahnlosen Bayern-SPD ein Wir-Gefühl gegen die eigene Ohnmacht verschafft. "Es ist die neue Regierung Schröder", hoffen die Genossen unbeirrt, "die den von Kohl hinterlassenen Saustall ausmisten muss und ausmisten wird, damit Staat und Gemeinwesen nicht vor die Hunde (!) gehen."