Neulich habe ich bei meinem Umzug einen alten rosa Pullover wiederentdeckt. Er hat nicht dieses ordinäre Rosa, auch kein Telekom-Rosa, sondern ein mittleres, eher helles, genau mein Lieblingsrosa, das ich immer im Kopf habe. Obwohl ich sonst fast nur schwarze Pullover anziehe, habe ich diesen Pullover gekauft. Fürs Golfspielen. In der Öffentlichkeit habe ich mich selten getraut, ihn zu tragen. Umgekehrt habe ich noch nie in einem dunklen Pullover Golf gespielt. Ich finde, Rosa entspannt. Rosa ist eine Farbe, die weicht die harten Konturen auf, sie zwingt zu nichts. Da kann man sich gehen lassen und hat trotzdem das Gefühl, eingebunden zu sein.

Das Rosa, das ich im Kopf habe, taucht manchmal in den Bildern des Malers Tom Wesselmann auf oder auch bei Jeff Koons. Beide charakterisieren damit Haut und Körperlichkeit. Auch in meinem Programm gibt es Künstler, die viel mit dieser Farbe zu tun haben. Cornelia Schleime etwa oder Norbert Bisky, zwei junge, sehr begabte Maler. Sie verarbeiten Rosa nicht als grelles Pop-Art-Signal, sondern als Mittel zum Spiel mit der eigenen Wahrheit.

Cornelia Schleime wollte sogar, dass ihr Katalog rosa eingebunden wird. Auf den ersten Blick ist sie eine eher herbe, strenge Persönlichkeit, die manche Leute abschreckt. Aber wenn man mit ihr redet, dann bröckelt diese harte Schale, und es zeigt sich ein sehr zartes Wesen. Vielleicht wollte die Künstlerin die herbe Figur, diesen Teil von sich zerbröckeln lassen und ihre andere, zarte Seite dokumentieren. Ich denke, jeder Mensch hat den Wunsch, etwas von sich preiszugeben, jeder hat eine exhibitionistische Ader. Die inneren Brüche zeigen sich auch in Cornelia Schleimes Bildern.

Zum Beispiel das Vanillemädchen , das ist ein ganz typisches Porträt. Ein bildschönes Gesicht, das an die zwanziger Jahre erinnert, mit einer Schleife auf dem Kopf - und der gesamte Hintergrund ist rosa. Das Bild mutet auf den ersten Blick traumhaft an, fast idyllisch; erst auf den zweiten sieht man, dass Cornelia Schleime etwas kaputtmacht, zerstört. Rosa kann entlarven, aber auch befreien - man muss sich nur darauf einlassen.

Rosa wurde natürlich in der Kunst schon früher gemalt. Sandro Botticelli stellte um 1485 die Geburt der Venus dar; auf dem Gemälde dominiert Rosa. In der Architektur taucht es auf: Ich sehe die Schlösser von Versailles vor mir oder das Neuschwanstein Ludwigs II., verspielt, leicht, zugleich ein wenig oberflächlich. Picasso hatte neben der "Blauen" eine "Rosa Periode". Um 1905 entstanden zum Beispiel seine Zirkusbilder, berühmt ist Der Gaukler . Aber erst durch Pop-Art-Klassiker wie Andy Warhol wurde Rosa richtig populär - und moderne Kunst interessiert mich auch mehr.

Auch heute bauen wieder viele Künstler rosa Bilderwelten auf: Helge Leiberg, Alex Katz, Luciano Castelli. Bei Tom Wesselmann ist immer die weibliche Brust rosa, bei Katz das Gesicht. Diese Maler wollen nicht schocken, sie wollen überhaupt Emotionen auslösen. Das kann für jeden Betrachter ein anderes Gefühl sein, denn Rosa ist wie ein Spiegel. Rosa polarisiert. Der eine Betrachter grenzt sich ab: So ein Mist!, während ein anderer bei dem gleichen Bild etwas ganz Neues an sich entdeckt. Die Farbe kann Gefühle wecken, von denen man weiß, dass sie da sind, mit denen man aber eigentlich nicht konfrontiert werden will.

Wer sich nicht darauf einlässt, den macht Rosa aggressiv. Dann wirkt die Farbe eng, bedrückend, auch provozierend. Aber die Provokation funktioniert hintenherum. Zunächst denkt man beim Betrachten eines Bildes: "Wie hübsch" oder "Wie süß". Dabei öffnet Rosa innendrin ein Türchen - und plötzlich scheint hervor, was viele gar nicht kannten. Rosa kann viel stärker aufregen als andere Farben. Zu Schwarz oder Weiß kann man nicht viel sagen. Rosa ist dazwischen, es hat die Fühler in alle Richtungen ausgestreckt. Deshalb kann man sich mit dieser Farbe tagelang beschäftigen.