Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit, hat das Berliner Parlament bereits eine erste Teilreform der gesetzlichen Rentenversicherung verabschiedet: die der Erwerbs- und Berufsunfähigkeitsrenten. Künftig erhält ein Versicherter, der wegen Krankheit seinen erlernten Beruf nicht mehr ausüben kann, keine Rente mehr. Die Neuregelung tritt am 1. Januar 2001 in Kraft.

Für alle über 40-Jährigen gilt zwar zunächst noch ein Vertrauensschutz. Das heißt, sie haben auch weiterhin Anspruch auf eine Berufsunfähigkeitsrente. Die wird allerdings um rund 30 Prozent gekürzt: Sie sinkt von durchschnittlich rund 1150 Mark im Jahr 1999 auf weniger als 900 Mark. Wer am 1. Januar jedoch jünger als 40 Jahre ist, geht in Zukunft ganz leer aus.

Was das konkret heißt, werden all jene zu spüren bekommen, die krankheitsbedingt ihren erlernten Beruf nicht mehr ausüben können. Zum Beispiel der Tontechniker, der wegen eines schweren Hörschadens seinen Job aufgeben muss, oder der Chemielaborant, der wegen einer Allergie nicht mehr mit Reagenzien arbeiten kann. In diesen Fällen federte die Berufsunfähigkeitsrente bisher die Einkommenseinbußen ab, die den Betroffenen durch den erzwungenen Berufswechsel entstehen.

Die neu geschaffene Erwerbsminderungsrente hingegen sieht eine nahezu unbegrenzte "Verweisung" auf andere Berufe vor. Ingenieure, Kameramänner oder Chirurgen bekommen auch dann keine Rente mehr, wenn ihre "verbliebene Restarbeitsfähigkeit" lediglich noch dazu reicht, als Pförtner oder Telefonist zu arbeiten. Anspruch auf eine volle Erwerbsminderungsrente hat zudem nur, wer weniger als drei Stunden täglich arbeiten kann.

Rund acht Milliarden Mark, so haben Regierungsexperten berechnet, sollen die Rentenkassen durch die Neuordnung in den nächsten Jahren einsparen und dadurch helfen, den Beitragssatz stabil zu halten. Viele Versicherte zahlen dafür einen hohen Preis. Denn Jüngere, die sich gegen das Risiko der Berufsunfähigkeit und damit verbundene Einkommensverluste absichern wollen, können dies jetzt nur noch privat tun. Das ist kompliziert und, vor allem für bestimmte Berufsgruppen oder gesundheitlich angeschlagene Arbeitnehmer, extrem teuer.

Angeboten werden derzeit vor allem Berufsunfähigkeits-Zusatzversicherungen (BUZ), also Kombiprodukte aus Risikolebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung. Eigenständige Berufsunfähigkeitsversicherungen sind noch die Ausnahme und in vielen Fällen sogar teurer als das Kombiprodukt.

Experten empfehlen eine BUZ mit folgenden Mindestmerkmalen: eine garantierte Monatsrente von mindestens 2000 Mark, eine Rentenlaufzeit bis zum Alter von 65 Jahren und eine Risikolebensversicherung in Höhe von 100 000 Mark. Schon für diesen Mindestschutz muss ein gesunder kaufmännischer Angestellter von 30 Jahren rund 80 Mark im Monat kalkulieren, obwohl er versicherungstechnisch ein sehr günstiges Risiko darstellt.