Was ist Recht?" - so beginnt das Buch von Hasso Hofmann, und die Antwort, um die es sich müht, beginnt mit der Verdopplung der Frage. Was sagt das Gesetz? ist die eine, und die andere lautet: Ist das Gesetz auch rechtens, so wie ein Gesetz sein soll? Recht ist etwas anderes als Moral und doch nie ganz von ihr getrennt. Im Recht selbst kehrt die Differenz von Recht und Moral auf vielfältige Weise wieder: als "nomologische Differenz", als Differenz im Gesetz.

Das wirkliche und positive Recht ist keineswegs immer und überall Verwirklichung vernünftigen Rechts. Jedes einzelne Gesetz ist zwar - in modernen Staaten - einzig kraft Autorität des Gesetzgebers gültig, aber ein Blick auf das Ganze des Rechts oder auf schwierige Fälle (Dworkin) lässt Rechtsgrundsätze erkennen, die bei der richtigen Anwendung positiven Rechts beachtet werden sollten wie beispielsweise der berühmte, aus dem 18. Jahrhundert stammende Grundsatz nulla poena sine lege. Keine Strafe ohne vorheriges Gesetz. Oder das Prinzip der gleichen Freiheit aller Rechtsgenossen. Von solchen Grundsätzen sollte man erwarten, dass sie vernünftig sind.

Ähnliches gilt für Menschenrechte und Verfassungstexte, denn auch in der Trennung von einfachem und Verfassungsgesetz spiegelt sich die nomologische Differenz. Während man mit der Enttäuschung der Erwartung leben kann, die gültigen Hochschulgesetze wären vernünftig, mindestens bis zu den nächsten Wahlen (und notfalls auch viel länger), ist solche Enttäuschung bei Grundrechten schon schwerer zu ertragen. Gleichwohl kann und muss der demokratische Gesetzgeber sich gelegentlich auch über bewährte Rechts- prinzipien hinwegsetzen, und kein Menschenrecht, das eine verfassungsgebende Gewalt aus dem Himmel natürlicher Zeitlosigkeit entführt und zu Verfassungsprosa verzeitlicht hat, lässt sich dagegen versichern, geändert oder gar aufgehoben zu werden. Nur entsteht dann erhöhter Begründungsbedarf (bis hin zum judicial review), und daran zeigt sich wiederum, dass das Recht die nomologische Differenz nicht loswird.

Zwar verwandelt das moderne Freiheitsverständnis alles Recht in gesellschaftliche Immanenz. Erst als Recht der Besitzenden, dann als Recht aller in der Demokratie. Statt durch Gerechtigkeit von oben wird das Recht jetzt durch Freiheit von unten gleichzeitig gemacht und legitimiert. Aber die "Not der Massen" lässt die alten Fragen der Gerechtigkeit und Solidarität im Recht nicht verstummen. Soziale Gerechtigkeit ist nicht nur "keine Illusion", sondern folgt auch - davon ist der Autor überzeugt - einem andern, älteren Paradigma als das moderne Freiheitsverständnis. Im Werk des Amerikaners John Rawls sieht Hasso Hofmann deshalb den ersten großen Versuch einer Anamnese der "vergessenen Gerechtigkeit". Darüber mag man, auch wenn man die von oben gegen unten gerichtete, modische Sozialstaatskritik für reaktionär hält, streiten.

Ist egalitäre Demokratie letztlich eine Alternative zum liberalen Rechtsstaat oder die einzige Möglichkeit, ihn zu verwirklichen? - Unstrittig ist, dass die vorliegende Einführung es wie nur wenige Texte zum Thema versteht, Fragen von politischer Aktualität mit historischer Tiefenschärfe und grundbegrifflicher Brillanz und Klarheit zu einem gut lesbaren Buch zu vereinen.