Das wichtigste und wohl einzige Ergebnis, zu dem die Futurologie gekommen ist, ist die Einsicht, dass die Zukunft nicht vorhersagbar ist. Sollte je eine allgemeine Theorie der Zukunftsvorhersage aufgestellt werden, so müsste sie davon ausgehen, dass Prophezeiungen umso wahrscheinlicher in Erfüllung gehen, je weicher die Sprache ist, in der sie formuliert sind. Im Unterschied zu den traditionellen und erfolgreicheren Vorhersagesystemen, seien es Voraussagen aus tierischen Eingeweiden, den Sternen oder dem Kaffeesatz, hat sich die Futurologie einer härteren Sprache bedient: Sie hat eine konkrete Zukunftsprognose gestellt, und das erklärt ihr Scheitern. Um sich davon zu überzeugen, braucht man sich nur an die Prognosen zu erinnern, die vor einem halben Jahrhundert gemacht wurden. Dabei geht es nicht darum, dass die eine oder andere Prophezeiung nicht eingetroffen ist, sondern darum, dass in diesen Jahrzehnten etwas geschah, was sich kein Prophet hätte träumen lassen.

Dennoch wird die Wirklichkeit der Zukunft immer spürbarer. Es festigt sich die Überzeugung, dass der morgige Tag in gewissem Sinn schon existiert, man muss nur seine Gegenwart erahnen. "Denke daran, dass heute morgen gestern ist." Dieser Aphorismus von Peter Weiss klingt umso trivialer, je rascher die Zukunft Gegenwart wird. Untersuchen wir also die beiden Kernthesen: 1. Die biologischen Wissenschaften werden in naher Zukunft radikal in die Natur des Menschen eingreifen, die Religion obsolet machen und die traditionelle Moral über den Haufen werfen. 2. Der gesamte Bereich des Geistes, der schon heute vom technisch-wissenschaftlichen und biotechnischen Fortschritt an den Rand gedrängt worden ist, wird ein Fiasko erleiden, wenn nicht überhaupt reiner Luxus geworden sein. Das Ergebnis des einen wie des anderen wird hoch zivilisierte Barbarei sein.

Analogien dazu lassen sich wohl auch in der geschichtlichen Vergangenheit finden, auf die der Geist des neuen Szientismus mit solcher Verachtung herabschaut. In der Allgemeinen Belehrung zum dritten Buch seiner Mathematischen Prinzipien der Naturlehre sagt Isaac Newton, dass die "vortreffliche Konjunktion der Sonne, Planeten und Kometen" nicht anders als nach dem Willen eines allmächtigen, weisen Wesens entstehen könne. Die Wissenschaft des 17. Jahrhunderts hatte sich keineswegs zum Ziel gesetzt, Gott zu stürzen - Beobachtung und Experiment bewiesen überzeugender die Größe und Weisheit des Schöpfers als die Grübeleien der Scholasten. Dennoch hatte der Allmächtige in der Welt, die Leibniz horologium Dei (Uhrwerk Gottes) nannte, nichts zu tun: Die einmal in Gang gesetzte Uhr lief von allein. Der Triumph der positiven Wissenschaften versetzte die Vertreter der damaligen Geisteskultur in Furcht und Schrecken - eine verblüffende Ähnlichkeit mit unserer Zeit.

Denken wir über die Zukunft nach, dann müssen wir uns immer noch auf die fragwürdige Methode der Futurologie stützen, auf die Extrapolation. Die Geschichte der Wissenschaft überzeugt uns davon, dass der Fortschritt der Wissenschaft von einem gewissen Zeitpunkt an unaufhaltsam ist. Man kann ihre Errungenschaften unterschiedlich nutzen, ihren Vormarsch verzögern oder beschleunigen, man kann sie missbrauchen, doch die wissenschaftliche Forschung aufhalten kann man nicht. Eine andere Lehre aus der Vergangenheit, die die Baumeister der historiosophischen Universalgebäude nicht berücksichtigt haben, besteht darin, dass auf den ersten Blick unbedeutende Entdeckungen die Gesellschaft mitunter radikaler umwandeln als Kriege und Revolutionen - etwa die Entdeckung der elektromagnetischen Induktion oder die Erfindung des Verbrennungsmotors.

Was können wir diesen Überlegungen entgegensetzen? Ich glaube nicht, dass es der Religion gelingen wird, die traditionelle Moral zu verteidigen, ich glaube auch nicht, dass die Moral die traditionelle Religion vor dem Verlöschen retten wird. Noch weniger kann man damit rechnen, dass die wenigen Inseln des Geistes, die immer noch vor der Aggression des Marktes abgeschirmt werden, aufs Neue die ihnen gebührende Stellung im Leben der Gesellschaft und des normalen Menschen einnehmen werden. Doch eins weiß ich - wie jeder, der die Schule der Naturwissenschaften durchlaufen hat -, dass der menschliche Organismus äußerst konservativ ist. Offenbar sind nicht weniger als 100 000 Jahre vergangen, seit der Mensch seine biologische Evolution eingestellt hat - zum Glück, wie sich herausstellt. Die Vertreter aller uns bekannten Zivilisationen unterscheiden sich um kein Jota von Ihnen und mir. Dieser Konservatismus, diese Beharrlichkeit des Lebens, das ewig wandelbar ist und immer ein und dasselbe bleibt, berechtigt uns zu der Hoffnung, dass der Mensch zumindest seine physische Natur gegen alle Versuche behaupten wird, sie umzumodeln.

Aus dem Russischen von Annelore Nitschke. Der Arzt; Schriftsteller Boris Chasanow lebt in München. Zuletzt erschien bei DVA "Vögel über Moskau"