Was gemacht werden kann, wird gemacht werden. Wenn nicht unter Aufsicht, dann ohne. Pragmatismus scheint in dieser Lage die vernünftigste Haltung, sollte sich aber von Indifferenz deutlich unterscheiden. Allein diese Unterscheidungen und daraus resultierende Strategien bleiben zu diskutieren, nicht ohnehin unaufhaltsame Entwicklungen. Dem Schriftsteller, bläute man mir ein, käme in der Gesellschaft vor allem die Rolle des Zweiflers zu. In den letzten Jahrzehnten wirkte beinahe jeder Zweifler wie ein lästiger Hemmschuh, erträglich nur deshalb, weil die von ihm losgetretenen Debatten die Entwicklung nicht ernsthaft bremsen konnten. Die Mehrheit der Intellektuellen der siebziger Jahre stellten jeden Fortschrittsglauben unter Verdacht, hielt ihn für pure Selbsttäuschung oder Unvernunft. Jener programmatische Pessimismus, verstärkt durch die Enttäuschtheit der 68er, kostete den Intellektuellen viel anersparten Nimbus, nicht zuletzt dadurch, dass der Intellektuelle selbst an der Dekonstruktion jenes Nimbus aktiv beteiligt war. Die allermeisten Autoren wiesen die Idee, moralische Instanz zu sein, als Anachronismus von sich und feierten diesen Verzicht, der zu seiner Zeit ja dringend notwendig war, als Befreiung.

Naturwissenschaft und Technik wurden durch ständige Innovationen vor allem im Medien- und Kommunikationsbereich populär und, im Bewusstsein des aufgeklärten Bürgertums, tatsächlich zu einer Art Religionsersatz. Dokumentationen auf dem Discovery Channel haben dabei die Stelle der Predigt übernommen. Fernsehsendungen über Urknall, Galaxien und Schwarze Löcher erzeugen zweifellos kathedralische Gefühle. Dass wir uns längst in der nachchristlichen Ära befinden, steht außer Frage. Ich habe den Humanismus immer als säkular verstanden, als Nachfolge und Überwindung, zumindest Verbesserung des Christentums, das oft nur mehr in dem Bewusstsein hochgehalten wird, ein einigendes Zelt für das Bollwerk Europa zu brauchen.

Warum sollte die Gentechnik nicht Krankheiten beseitigen?

Der moderne Intellektuelle muss sich seinen Platz, wenn er denn Einfluss nehmen will, zurückerobern, indem er sich in viel größerem Maße, als es seine Vorgänger gezwungen waren, einer Materie kundig macht, die bisher nicht in seinem Pflichtbereich lag. Die Zweifler haben schon lange kein Auswärtsspiel mehr gewonnen. Häusliche Dramen kommender Jahrzehnte sind leicht vorherzusehen. Es wird Kinder geben, die ihren Eltern Vorwürfe aufgrund deren einstiger "moralischer" Skrupel machen werden, die wissen werden wollen, warum sie ihr Leben eben ohne die Segnungen der Gentechnologie verbringen müssen. Ich kann keinen vernünftigen Grund erkennen, warum man der Gentechnologie gewisse Selektionsverfahren zur Ausmerzung erkennbarer Krankheiten nicht gestatten sollte. Die Frage stellt sich, ob die Fähigkeit dazu nicht sogar deren Ausübung einklagt.

Ich hänge, und das macht es mir einfacher, Position zu beziehen, jener Tradition von Denkern an, die als den Beginn des Lebens die Geburt begreift und der Existenz davor, dem Fötus, keinen individuellen Wert beimisst. Mit der Geburt indes beginnt die indiskutable und stufenlose Verantwortung und Verpflichtung der Gesellschaft für ihr neues Mitglied. Zur Welt gekommen, muss jedes menschliche Wesen, egal wie sehr gehandikapt, unseren Schutz genießen. Filme wie Gattaca, in denen Träger "minderwertiger" oder kranker Gene an der Fortpflanzung wie am gesellschaftlichen Aufstieg gehindert werden, behandeln eine ganz andere Problematik, als zur Debatte steht.

Wir brauchen diese definierte Grenze vom Fötus zum Menschen, um nicht dauerhaft bigott neben der Praxis zu liegen. Wie sich das Recht der Frau auf Abtreibung gegen unmenschliche Widerstände durchgesetzt hat, wird sich auch diese Definition durchsetzen. Nicht aufgrund erkenntnistheoretischer Beweisführungen, hier konkurrieren kaum objektivierbare Glaubensfragen miteinander, sondern aufgrund eines dringend notwendigen Pragmatismus. Eltern werden fähig sein, das Geschlecht ihres Kindes vorherbestimmen zu lassen. Warum nicht? Und wenn sie ihrem Nachwuchs dazu noch eine bestimmte Haar- und Augenfarbe zuweisen - wäre deshalb schon von Züchtung zu reden? Nur ein Staat könnte Richtlinien einer Züchtung verordnen. Ein undemokratischer Staat. Aber der könnte sowieso viel Böses tun. Wie auch immer: Eltern werden de facto eine stark ausgeweitete Bestimmungsgewalt über das Erscheinungsbild ihres zukünftigen Sprösslings besitzen. Man kann das kurzfristig legislativ unterdrücken, auf Dauer keinesfalls.

Der Mensch ist ein unperfektes Wesen, wenigstens wird er das, solange er sterblich ist, immer von sich glauben. Mir wäre eine Menschheit, die nicht zum Ziel hätte, Gott zu werden, unheimlich und langweilig. Das Modell des nietzscheanischen Übermenschen, anders gesagt: des verbesserten Modells vom Menschen ist im Spiegel der Evolution nur ein Archetypus. Man mag über den Sinn einer solch manischen Teleologiesucht streiten, aus der Welt zu schaffen ist sie nicht. Ob das Modell Mensch eher pädagogisch zu verbessern sei oder gentechnisch, ist aufgrund der Gegebenheiten eine Frage akademischer Natur. Es wird in der Gentechnologie Rückschläge geben, Unfälle wie Missbrauch. Die Gefahren minimieren kann aber nur der, der das Schiff begleitet. Vorn am Kiel sieht man besser als im Bugwasser. Die Möglichkeiten sind vorhanden. Alles, was denkbar ist, geht in einem unaufhaltsamen Prozess ins Machbare über. Sich dagegen aufzulehnen wäre weltfremder, ja reaktionärer Idealismus, dem einfach das wichtigste Argument, der Gegenentwurf zur finalen Beleidigung der Existenz durch den Tod, fehlt.