Die heutige Situation als Kampf zwischen Humanisten und Ethikern einerseits und Genetikern, Physikern und Physiologen andererseits darzustellen, ist äußerst irreführend; nach dieser Vorstellung hielten Erstere fest an einer geistigen, erhabenen und menschlichen Definition des Lebens, während Letztere für eine rein physische, materielle, "fleischliche" Definition der "Posthumanität" (des "Posthumanen") einträten. Ein solcher Kampf hat gewiss stattgefunden, freilich in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Unser gegenwärtiges Dilemma ist davon völlig verschieden, und es ist wichtig, dass Journalisten und Politiker es begreifen: In ihm stehen sich nicht mehr Humanisten und Posthumanisten, Spiritualisten und Materialisten gegenüber, sondern es verläuft quer zu allen Disziplinen und zwingt uns zu neuen politischen Entscheidungen.

Nehmen wir die Gene. Welche Definition für die Rolle, die sie spielen, sollen wir akzeptieren? Determinieren sie den Menschen wie der Code eines Computerprogramms, so wie E. O. Wilson oder Richard Dawkins meinen? Oder beeinflussen sie Vorgänge, ohne sie zu determinieren, wie bei Richard Lewontin? Die verschiedenen Versionen des "Diskurses der Gen-Wirkung" (Evelyn Fox-Keller) beruhen nicht auf der gleichen Vorstellung von genetischer Veranlagung. Die Ungewissheit beschränkt sich nicht auf die Genetik. Wie steht es mit dem Gehirn? Mit welchem Gehirn denken wir? Funktioniert es wie das Uhrwerk von Paul Churchland aus dem 18. Jahrhundert oder in der Darwinschen, nicht computerartigen Weise, für die Gerald Edelman so eindringlich votiert? Welche physikalischen Gesetze sollen wir annehmen, die von Steven Weinberg oder die von Ilja Prigogin? Sie führen nicht zum gleichen Kosmos, denn Ersterer bestreitet die Zeit als wesentliches Merkmal des Universums, während die physikalischen Gesetze bei Prigogin auf der Unumkehrbarkeit der Zeit beruhen.

Was für die Physik gilt, gilt erst recht für die Epistemologie: Welche Ähnlichkeit besteht zwischen der Philosophie der Physik beispielsweise eines Alan Sokal und der von Nancy Cartwright? Für welche Definition von Ökonomie, von Soziologie, von Geografie, von Geschichte wollen wir uns einsetzen? Zwischen den "harten" und den "weichen" Wissenschaften verläuft gerade nicht eine zusammenhängende, einheitliche Frontlinie, sondern wir haben eher ein komplexes Go-Brett vor uns, auf dem viele Spieler mit verschiedenen Kosmologien gleichzeitig spielen.

Erinnern Sie sich noch an die fünfziger Jahre? Damals gab es die seltsame Vorstellung eines Bruchs zwischen "zwei Kulturen", eines Grabens zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern. Doch wer versucht, "den Abgrund zwischen den zwei Kulturen zu überbrücken", übersieht, dass die wissenschaftlichen Kontroversen inzwischen äußerst zahlreich, weit reichend und ineinander greifend geworden sind: Sie bieten uns nicht länger einen einheitlichen Bereich der naturwissenschaftlichen Fakten, der sich klar von einem anderen der Ethik, Ästhetik, Politik und des Rechts abgrenzen ließe. Das Wort "Kultur" lässt sich nicht mehr so locker wie bei C. P. Snow verwenden, der von einem gebildeten Menschen sowohl die Kenntnis des Hamlet als auch des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik forderte. Mittlerweile hat dieses Wort eine sehr enge anthropologische Bedeutung angenommen, die von denjenigen erforscht wird, die sich wie ich als "Technik- und Wissenschaftsanthropologen" verstehen. Unter "Kultur" ist heute die Entscheidung zu verstehen, mit welchen Kosmologien wir leben: mit welchem Gehirn, mit welchen Genen, mit welcher Vergangenheit, welcher Natur, Chemie, Evolution, Soziologie et cetera.

Die belgische Philosophin Isabelle Stengers hat daher vorgeschlagen, das Wort Kosmopolitik in einem neuen Sinn zu verwenden, nicht im Sinne der Offenheit für multinationale Milieus, sondern eher in der früheren stoischen Bedeutung: als Politik des Kosmos. Wissenschaften verstehen sich sehr gut darauf, die neuen Entitäten zu vermehren, mit denen wir es zu tun haben - dies ist ihr großes Plus und die Hauptquelle ihrer Fruchtbarkeit -, doch sie können uns keineswegs eine kohärente, einheitliche Kosmologie anbieten. "Einigung" kann definitionsgemäß nur von irgendeinem politischen Prozess ausgehen.

Damit wir ihn erfinden können, sollten die Naturwissenschaftler ihre Pläne aufgeben, das Gemeinwesen durch eine verfrühte Einheit zu beherrschen - die ohnehin meist nur Übertreibung ist; die Geisteswissenschaftler ihrerseits sollten damit aufhören, an den Rändern der Naturwissenschaft zu kampieren und ihr eigenes Gebiet zu verteidigen wie Asterix sein Dorf im römisch besetzten Gallien, sondern sollten ihre "Laboratorien" mitten in den naturwissenschaftlichen und technischen Kontroversen unserer Zeit errichten.

Um mit einer Anekdote abzuschließen: An der Technischen Hochschule, an der ich lehre, biete ich den angehenden Ingenieuren nicht mehr einen Kurs in Sozialwissenschaft an; stattdessen verlange ich von ihnen nur, ein Jahr lang eine gerade laufende wissenschaftliche oder technische Kontroverse zu verfolgen und am Ende des Jahres deren Kartografie vorzulegen. Dabei lernen sie mehr von der Wissenschaft, und das heißt der Forschung, und nebenbei mehr von Ökonomie, Jura, Soziologie, Ethik, Psychologie, Wissenschaftspolitik et cetera, denn alle diese Gebiete sind mit dem Stück Wissenschaft verknüpft, dessen Entwicklung sie aufzeichnen wollen. Wissenschaftler, Journalisten und Pädagogen müssen endlich begreifen, dass wir in einer Welt leben, die sich völlig von jener früheren unterscheidet, in der Debatten zwischen einer "naturwissenschaftlichen Weltsicht" und einer "geisteswissenschaftlichen" stattfinden konnten. Jetzt dreht es sich nicht mehr nur um PC, sondern um CC: cosmopolitical correctness.