Ein neues Zeitalter nähert sich, das postbiologische Zeitalter. Nicht mehr, so besagt der Name, wird unsere biologische Kenntnis der Lebensvorgänge unseren Umgang mit dem Lebendigen bestimmen, sondern wir selbst werden Leben bauen, wir werden es ordnen, es steuern können. Nach welchem Maß? Haben wir oder sind wir gar jenes Maß aller Dinge, wie einst der Denker Protagoras behauptete? Oder ist die Wissenschaft zum Maß aller Vorgänge geworden, wie die amerikanische Umdeutung des Satzes im 20. Jahrhundert besagt?

Mensch oder Wissenschaft als "Maß" von allem ist metaphorisch zu lesen. Der Mensch gibt nur gleichsam die zählbaren Einheiten vor, nach welchen etwas zählt oder nicht zählt. Gleichwohl wollte der Mensch sich selbst in der Rolle eines Maßes sehen. Metaphern sind Falschaussagen mit erheblichem Wahrheitsgewicht. Der Mensch war zu keiner Zeit das Maß von allem, aber sich so zu sehen gefiel ihm. Er hing an diesem Bild von sich selbst, solange er wusste, dass es der Wirklichkeit nicht entspricht.

Vielleicht ändert sich das jetzt. Wenn Lebewesen in ihren Basisinformationen technisch genormt werden können, wenn das Humangehirn nach Belieben (und Finanzkraft der Klienten) umgerüstet werden kann, wenn die von uns konstruierten Rechner unserem Gehirn zunehmend gleichen: Wäre der Mensch dann nicht tatsächlich zum Maß des Lebens geworden?

Viele Stimmen in der jetzigen Diskussion künftiger Möglichkeiten bei der Überschreitung der biologischen Normen scheinen zu sagen: In der Tat, eines Tages schafft es der Mensch, nicht bloß metaphorisch, sondern tatsächlich zum allgemeinen Maß zu werden. Selbstverständlich ist es noch nicht so weit, aber es könnte der Abschluss einer langen Geschichte der Menschengattung sein, dass er dieses Ziel demnächst erreicht. Jedenfalls zeichnet sich jetzt zum ersten Mal ab, dass dieses Ziel in erreichbare Nähe rückt.

Gegen den Menschen als tatsächliches Maß postbiologischer Technologien spricht ein sehr einfaches Argument: Wer nämlich soll der Mensch sein, der nunmehr Maß für das Leben ist? Wenn der Mensch Leben umbaut und neu ordnet, wie können wir dann sicher sein, dass er noch der Mensch aus der alten Zeit vor der Etablierung der Postbiologie ist? Mehr noch, der Mensch aus der vormaligen, biologischen Ära besitzt ja keinerlei Wissen, nach welchem Maß er Leben umbauen soll. Der vormalige Mensch erscheint daher ungeeignet für das postbiologische Zeitalter.

Da die postbiologische Welt die natürlichen Gattungen entgrenzt, müsste auch die Menschengattung einbezogen werden. In welcher Weise? Es wäre an einen Menschentypus zu denken, der eben nicht nur Subjekt, sondern ebenso Objekt von Umbauprozessen des Lebendigen ist. Wie soll man sich diesen Typus vorstellen? Ein altes, zuerst in der Antike gebildetes Wort steht bereit: Übermensch. Bei Nietzsche lässt sich jedoch lernen, dass "Übermensch" eher ein Wort für unser Nichtwissen ist. Wer "Übermensch" sagt, schafft es jedenfalls nicht, dadurch zu einem Experten für das postbiologische Zeitalter zu werden.

Wenn es jedoch heute keine Experten für das Maß des Lebensumbaus in der kommenden Zeit gibt, wie lässt sich dann noch Verantwortung gegenüber dem postbiologischen Zeitalter übernehmen? Mein Vorschlag lautet schlicht: Man behalte den metaphorischen Sinn vom Menschen als "aller Dinge Maß" bei, gebe ihm jedoch eine dynamisierende, uns für die Zukunft öffnende Deutung. Wenn dies gelänge, dann bliebe der Vorschlag einfach, ohne einfältig zu sein.