Am aktuellen Gesellschaftsspiel, der Spekulation über den "Neuen Menschen", kann ich leider nicht teilnehmen, denn in der Zukunft kenne ich mich gar nicht aus. Stattdessen möchte ich eine Kurzgeschichte der Menschheit mit gentechnischem Ende erzählen. Diese Geschichte beginnt in Griechenland mit der Erfindung der Frage nach dem "guten Leben", mit dem Anspruch, das menschliche Leben zu beurteilen und zu gestalten. Aufgerichtet wurde damals die Fahne von Vernunft und Freiheit, und gepflanzt ward der Pfahl, der diese Fahne trug, im Fleisch, im natürlichen Leben, das von jenen hehren Ambitionen sogleich in den Schatten gestellt wurde. Bloß zu leben, vielleicht nur satt, nicht aber vernünftig und frei zu sein - das wirkte schnöde. Umgekehrt wollte das Wahre, Gute, Schöne nicht mit Gedanken an Notdurft und Notration belästigt werden. Und seitdem läuft es - das große Doppelspiel.

Auf der oberen Bühne, entfernt vom nur-natürlichen Leben, treten auf: platonische Vergeistigung, christliche Fleischlosigkeit, die Seele Descartes', die reine Vernunft Kants, Max Webers Verachtung der "Messer-und-Gabel-Frage", die computergestützte Distanzierung von der verderblichen Wetware Mensch et cetera et cetera. Im Souterrain, unterhalb des Heldenplatzes für geistige und moralische Höchstleistungen, melden sich diejenigen, die die Natur für erheblich halten. Epikur, Charles Fourier und Michel Foucault spielen Übungsleiter für den Gebrauch der Lüste, die feindlichen Brüder Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau würdigen das natürliche Bedürfnis nach Selbsterhaltung, Heinrich Heine fordert "Zuckererbsen für jedermann" und Theodor W. Adorno sagt: "Zart wäre allein das Gröbste: dass keiner mehr hungern soll."

So hat sich die Menschheitsgeschichte als Streit zwischen Geist und Leib, Kultur und Natur inszeniert, ohne dass je eine Seite ganz triumphiert hätte. Besonders prägnant waren Versuche, das menschliche Lebens von einer Seite her zu dominieren, in jüngster Zeit. Zunächst war es die politisch-kulturelle Seite, die - rechts wie links - die stärksten Energien freisetzte. Im Kalten Krieg wurde die Zukunft der Menscheit vom Ausgang einer moralischen Grundentscheidung zwischen Gut und Böse abhängig gemacht. Es wurde auch mehr Demokratie gewagt, Nicaragua befreit, sex in gender aufgelöst, Sozialisation auf Emanzipation gepolt oder eine geistig-moralische Wende angekündigt.

Lang, lang ist's her. Inzwischen sind die Energien auf die menschliche Natur umgelenkt worden. Offen ausgesprochen wurde dieser Paradigmenwechsel kürzlich in einer ganzseitigen Anzeige aus der New York Times. Nach dem Sieg im Kampf gegen den Kommunismus müsse nun, so hieß es dort, ein neuer Krieg gewonnen werden: der gegen die Krankheit. Für den Oberbefehl gibt es auch schon einen heißen Kandidaten: die Gentechnik. In ihr hat sich das Doppelspiel zwischen Geist und Natur zum dicken Ende verknotet. Drei Stichworte legen sich nahe, ein freundliches und zwei unfreundliche:

1. Dienst am Diesseits. Eine Leistung der Moderne liegt darin, dass sie die Bereitschaft zur Weltflucht gesenkt hat. Der Betrieb auf dem Verschiebebahnhof, auf dem der Zug zur Vertröstung abgeht, hat nachgelassen. Hier will man Mensch sein, hier will man's sein dürfen. Die Legitimität der Neuzeit erweist sich daran, das natürliche Leben in seiner Fragilität und Kontingenz ernst zu nehmen. Zu diesem Dienst am Diesseits taugt auch die Gentechnik. Wenn die Amish People und die Mennoniten, bei denen das Crigler-Najjar-Syndrom, eine qualvolle Erbkrankheit, grassiert, auf die Hilfe der Gentechnologie hoffen, dann ist dies ein gutes Zeichen. Das zeigt: Auch ihnen reicht der Trost des Himmels auf Erden nicht.

2. Natur in der Klemme. Die Art, wie man sich neuerdings der Natur zuwendet, hat etwas Verkniffenes. Am sichersten fühlt man sich, wenn man die Natur, auch die eigene, rational als Material beherrscht. Sich in ihr einzurichten - das wirkt lasch im Zeitalter von fit for fun. Deshalb wirken all die Modelle wenig überzeugend, die von "Grenzen" oder "Gleichgewicht" reden, und deshalb ist auch die Klimakonferenz gescheitert. Damit gerät die Natur in die Klemme: Man arbeitet an deren gentechnischer Optimierung, versäumt aber, sie zu erhalten.

3. Fluchtfigur. Die Frage, wie man das Leben verlängert, wirkt aufregender als die Frage, wie glücklich man ist; die Frage, mit welchen Genen man ein Kind ausstattet, brisanter als die Frage, wie man es am besten erziehen soll. Bei der alten Rivalität zwischen Geistes- und Naturwissenschaften liegen letztere weit vorn. Aber warum? Ihr Vorsprung kann nichts damit zu tun haben, dass man nicht auch glücklich sein wollte oder um den Wert der Erziehung wüsste. Man ist der mühsamen Fragen müde geworden und sucht Ablenkung und machbare Rezepte. Nach Ruanda und Bosnien, in Zeiten, da der Zusammenhalt innerhalb der modernen Gesellschaften ebenso prekär ist wie das Verhältnis zwischen erster und Dritter Welt, spielt die Gentechnologie nicht so sehr die Rolle des Hoffnungsträgers als vielmehr die der Fluchtfigur. Und wohin führt die Reise? Endet sie als Flucht oder als Heimkehr? Nein, keine Zeile habe ich übrig für die Zukunft, nur zwei für Friedrich Hölderlin: "(...) hinauf irret der Geist und hinab, Ruh erbittend; so flieht das getroffene Wild in die Wälder".