Hans-Jürgen Irmer ist ein Mann, der gern Gutes tut und noch viel lieber darüber redet. Egal, ob er eine Nachtschicht bei der Polizei schiebt oder gegen den Muezzinruf per Lautsprecher kämpft - die Pressemitteilung ist schon unterwegs. Jahrelang funktionierte die Selbstvermarktung des Landtagsabgeordneten. Doch jetzt ist seine PR-Maschine ins Stottern geraten. "Früher haben wir mit der WNZ recht ordentlich zusammengearbeitet", sagt Irmer. "Da sind unsere Pressemitteilungen immer in voller Länge oder leicht gekürzt erschienen." Früher - das war bis zum Frühjahr 2000, als Dirk Lübke die Chefredaktion der Zeitung übernahm. Irmer: "Seitdem sind kaum noch Artikel von uns gedruckt worden oder so verkürzt, dass wir sie kaum wiedererkannt haben."

Dirk Lübke gibt zu, dass längst nicht alle Verlautbarungen Irmers von der Redaktion berücksichtigt werden. "Herr Irmer ist ein fleißiger Politiker, aber deshalb kann er nicht erwarten, dass wir jede Meldung von ihm veröffentlichen", sagt er. Irmer reiche pro Monat rund 15 Mitteilungen ein, fünf- bis zehnmal soviel Material wie die SPD - "das können wir gar nicht alles bringen". Die Redaktion wähle die Nachrichten nach journalistischen Kriterien aus, nicht nach Parteienproporz: "Es spielt doch keine Rolle, von welcher Partei eine Meldung stammt. Hauptsache, sie ist aktuell und für die Region interessant", sagt er.

Irmers Mitteilungen hätten jedoch nicht immer diese Ansprüche erfüllt. So berichtete der Politiker mal auf 74 Zeilen über den Besuch der CDU-Kreistagsfraktion bei den Kollegen im Berliner Wedding ("Alles in allem wieder eine harmonische und nette Begegnung unter Parteifreunden.") oder über die Besichtigung eines Römerlagers ("Um sich beim Römerlager Waldgirmes über den Stand der Ausgrabungen zu informieren, waren jetzt Mitglieder der CDU-Kreistagsfraktion und der CDU Lahnau zu Besuch vor Ort.") - allerdings elf Tage nachdem die WNZ in doppeltem Umfang über den historischen Fund geschrieben hatte. Lübke: "Warum soll ich noch mal einen verkürzten Beitrag aus der interessengeleiteten Feder eines Abgeordneten drucken, wenn ein Redaktionsmitarbeiter das Thema längst ausführlich bearbeitet hat?" Auf Irmers Politinformationen müssen die Wähler im Lahn-Dill-Kreis dennoch nicht verzichten, denn als Herausgeber des Wetzlar Kuriers ist er nicht auf die Heimatzeitung angewiesen. Einmal im Monat erscheint das Anzeigenblatt, das sich im Kopf "Zeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur" nennt - und dort ist immer genug Platz für die Mitteilungen des früheren Studienrats. Da schreibt er allerdings nicht nur über Hauptstadtreisen und Archäologie. Mit Vorliebe wettert Irmer im Wetzlar Kurier gegen Ausländer und Minderheiten. Mal warnt der Politiker vor katatrophalen hygienischen Zuständen in ausländischen Restaurants, die in Lokalen "von alteingesessenen Deutschen oder auch Europäern kaum vorstellbar" seien. Mal fordert er eine "deutlich härtere Gangart" der Polizei gegen abgelehnte Asylbewerber, die sich der Abschiebung wiedersetzen. Irmer: "Wer nicht pariert, der gehört gegebenenfalls gefesselt und geknebelt, bis der Zielort erreicht ist." Und das kommt offenbar an: Dass er "draufhaut und polarisiert" schätzen seine Anhänger an dem Pädagogen, der auch schulpolitischer Sprecher der Landtagsfraktion ist. Neuerdings nutzt Irmer das Medium auch als Forum gegen die WNZ. Nach der verlorenen Landratswahl warf er der Zeitung im Wetzlar Kurier vor, den späteren SPD-Sieger begünstigt zu haben - weil sie vor der Entscheidung Fotos gedruckt hatte, auf denen er beim Blutspenden und beim Sport zu sehen war. Die CDU-Kandidatin habe diese Chance zur Selbstdarstellung nicht bekommen. Irmer: "Die WNZ ist nicht ,schuld' am Ergebnis der Landratswahl, aber faire Wettkampfbedingungen haben hier nicht stattgefunden."

Im August traf sich die Spitze der Lahn-Dill-CDU mit Dirk Lübke zu einem "Gipfelgespräch" (Wetzlar Kurier). Irmer: "Doch das war für die Katz'." Weil die Abdruckquote in der WNZ immer noch weit unter seinen Vorstellungen lag, griff Irmer schließlich zu drastischeren Mitteln: In der Novemberausgabe des Wetzlar Kuriers druckte er auf den ersten fünf Seiten zehn Artikel, die dem "Lübke-Diktat" (Irmer) zum Opfer gefallen waren - jedes Stück mit einem WNZ-Zensur-Stempel gebrandmarkt. Vermutlich vorerst zum letzten Mal.

Denn in Zukunft könnten Zensur-Vorwürfe gegen die WNZ für Irmer teuer werden. Am 8. Dezember hat das Amtsgericht Wetzlar auf Initiative der WNZ eine einstweilige Verfügung gegen ihn erlassen. Die verbietet ihm, die WNZ "als eine Zeitung zu bezeichnen, die ungerechtfertigte Zensur vornehme oder ihr Unterliege". Sollte Irmer noch einmal den Stempel herausholen, müsste er bis zu 500 000 Mark Ordnungsgeld zahlen.

Die WNZ hat erst am 16. Dezember über die einstweilige Verfügung berichtet und eine umfangreiche Dokumentation des Falles im Internet veröffentlicht. "Wir mussten handeln, mit seiner Anschuldigung hat er den ganzen Verlag in Verruf gebracht", sagt Lübke. "Diese versuchte Einflussnahme können wir uns nicht so einfach von einem Politiker bieten lassen." Im Verkauf habe sich Irmers Kampagne bislang nicht niedergeschlagen. "Wir liegen konstant bei rund 75 000 Exemplaren, die Auflage ist in den letzten Monaten sogar leicht gestiegen", sagt Lübke. Irmer will dagegen unter den Lesern eine schlechte Stimmung ausgemacht haben. "Da heißt es, die WNZ sei ein rotes Blatt und der Chef die Krönung des ganzen", sagt er. Nach dem Gerichtserlass droht der Politiker jetzt mit Gegenmaßnahmen: "Mein Anwalt prüft die Internet-Dokumentation der WNZ." Er habe allerdings kein Interesse, mit der Monopolzeitung im Clinch zu liegen. "Wir erwarten nur, dass unsere Mitteilungen mit zeitlicher Verzögerung von der WNZ gedruckt werden", sagt er. Diesen Anspruch hätte Irmer in jeder deutschen Großstadt vermutlich längst aufgegeben. Im harten Nachrichtengeschäft der Tageszeitungen hätten seine Meldungen über die Senkung der Fleischbeschaupreise wohl nur einen geringen Marktwert. Doch der Abgeordnete will die neuen journalistischen Sitten in seinem Revier nicht hinnehmen. Im Wetzlar Kurier hat er im November weitere Schritte angekündigt: "Die CDU Lahn-Dill wird diese Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen und sie widerstandslos akzeptieren. Wir sind dabei, die weiteren Schritte, derer es noch genügend gibt, zu beraten."

Eigentlich habe er es gleich wissen müssen, was auf ihn zukommen würde, schließlich sei er von einem Informanten aus Lübkes Umfeld schon im Frühjahr vor dem neuen Chefredakteur gewarnt worden: "Der scheint sich als Linksradikaler zu entpuppen", habe er gehört. Damals habe er Lübke noch in Schutz genommen, heute wisse er es besser. "Überall, wo Herr Lübke sein Unwesen getrieben hat, hat er die CDU benachteiligt", sagt Irmer - und spricht vom "Noch-Chefredakteur".